Michael Wolff
Im ND vom 9./10.8. findet sich ein längliches Papier des Ältestenrates
der LINKEN, das in mehreren Thesen eine im wesentlichen ungebrochene
Traditionslinie der sozialistischen Bewegung zu zeichnen versucht. Neben
Bekanntem finden sich manch Fragwürdiges (War das 20. Jahrhundert
wirklich ein bisheriger Höhepunkt der sozialistischen Bewegung und nicht
vor allem auch ein absoluter Tiefpunkt?), die verschiedentlich gepflegte
Legende von der Ausgrenzung der LINKEN, ein unkritischer Gebrauch des
Wortes Sozialismus sowie auch erhobene Zeigefinger. So wird kritisches
Herangehen zugelassen, sollte aber nach Meinung der Autoren nicht einen
dominierenden Platz einnehmen. M.E. sollten bei allen längeren
Reflexionen über Sozialismus und zukünftigem Sozialismus folgende Dinge
unmissverständlich klar festgehalten werden.
1. Die 1989 bis 1991 in der DDR, Osteuropa und der UdSSR
zusammengebrochene Ordnung hatte mit den im Kommunistischen Manifest
entwickelten Vorstellungen recht wenig gemein, sie stand vielmehr im
krassen Gegensatz dazu.
2. Diese Tatsache hat ihre Ursachen in wesentlichen Konstruktionsfehlern
dieser Ordnung und kann nicht mit "Schwierigkeiten beim Aufbau" oder
Unfähigkeit der Führungspersonen erklärt werden.
3. Die guten Absichten und der oft kräftezehrende Einsatz vieler
DDR-Bürger und SED-Mitglieder (der Autor dieser Zeilen eingeschlossen)
hat letztlich weder den Zusammenbruch, noch die Fehlentwicklungen und
die im Namen des Sozialismus begangenen Verbrechen verhindern können.
4. Schlimmer noch, durch unseren Einsatz haben wir auch die
Herrschaftsverhältnisse der DDR (ich bleibe mal bei dieser) stabilisiert
und damit vieles (z.B. auch die Mauertoten) billigend in Kauf genommen.
Ein Bekenntnis zu unserer Verantwortung, Schuld bzw. Mitschuld ist kein
Kniefall vor wem auch immer, sondern Voraussetzung für einen ehrlichen
Neuanfang linker Politik.
Insofern ist die These von den "einseitigen Entschuldigungen" strikt
zurückzuweisen, unabhängig davon, ob es bei "Teilen der Basis gar nicht
gut ankommt". Wenn einige Ältere, die in der DDR an wesentlichen Stellen
Verantwortung getragen haben, immer noch nicht bereit sind, ihren Anteil
an Verantwortung und Schuld zu übernehmen, so müssen es die Jüngeren tun.
Fazit: Das vorgelegte Papier fällt hinter bereits erstritten geglaubte
Positionen der PDS / LINKEN zurück, was natürlich in einer
demokratischen und pluralistischen Partei möglich ist.