Viele Medien hatten darauf gesetzt, der 1. Parteitag der LINKEN würde zum Beginn
ihrer Selbstdemontage. Das ist nicht eingetreten, im Gegenteil. Der Parteitag hat mit
dem Leitantrag die Linie zu den Bundestags- und Europawahlen abgesteckt, im
Referat von Oskar Lafontaine Strategie und Selbstverständnis der LINKEN in
grundsätzlicher Art vorgestellt, er hat mit dem Beschluss zur Familienpolitik ein
strittiges Thema entschieden und für die nächsten zwei Jahre die Leitungen und
Gremien gewählt. Das ist viel für den ersten Parteitag mit gemeinsamen Delegierten
der neuen Partei, nicht der Quellparteien, und mit Kandidaturen zu Leitungen und
Gremien, für die ebenfalls nicht mehr der Quellpartei-Proporz entscheidend war.
Trotzdem bleiben offene Fragen und kritische Anmerkungen, über die ich mit Euch
nachdenken möchte, um unsere Arbeit zu verbessern.
1. Parteiaufbau: Es besteht eine Differenz zwischen dem wachsenden Einfluss der
LINKEN in der Gesellschaft, den Wahlergebnissen, den Meinungsumfragen und
der Medienresonanz einerseits und andererseits der Entwicklung der Partei selbst.
In anderen Worten: Wir erhalten mehr Zustimmung, als wir vor einem Jahr zu
hoffen gewagt hätten; wir können gesellschaftspolitische Debatten beeinflussen,
doch unsere Partei ist vielerorts noch schwach und nicht selten sehr mit sich
selbst beschäftigt. Das ist verständlich, wir sind eine junge Partei, aber wir
können uns diese Phase des Zusammenraufens eigentlich nicht leisten, denn die
Menschen erwarten von uns, dass wir kraftvoll in die Politik eingreifen und sie
aus der Opposition heraus verändern. Wir müssen also rasch und umsichtig die
Partei aufbauen. Dazu gehört Mitgliedergewinnung nicht nur nebenbei, sondern
als Leitfaden unserer Aktivitäten, dazu gehört flächendeckende und regelmäßige
Bildungsarbeit, Öffentlichkeitsarbeit überall und jederzeit und, nicht zuletzt, gute
Leitungsarbeit auf allen Ebenen. Dazu müssen sich die Leitungen in die Lage
versetzen, zum Beispiel durch Erfahrungsaustausch. Sie müssen alle nur
denkbaren Unterstützungen und Hilfen erhalten. Rasch müssen stabile
Organisationen an der Basis, in den Kreisen und Ländern entstehen, stabil und
offen – offen den Mitgliedern und Sympathisierenden gegenüber, offen für
soziale und politische Erfahrungen in den unterschiedlichsten Bereichen. Hier
können der Jugend-, der Studierendenverband, die IGs/AGs eine wichtige Rolle
einnehmen, wenn sie nicht als Zusammenschlüsse behandelt werden (und sich
selbst nicht so sehen), die „ihr Ding“ machen, während die „eigentliche
Parteiarbeit“ allein nach dem Regionalprinzip funktioniert. Gute Leitungsarbeit
sichert zudem die Demokratie in der Partei. Wir haben eine demokratische
Satzung, aber noch nicht überall eine demokratische Alltagskultur. In manchen
Gliederungen wird die Freude an der gemeinsamen politischen Arbeit erheblich
getrübt. Auch in dieser Frage müssen die Leitungen ihrer Verantwortung für
Respekt, Transparenz, gelebte Solidarität gerecht werden.
2. Quellparteien: Wichtig für unsere Partei sollte nicht mehr sein, aus welcher
Quellpartei die Genossinnen und Genossen kommen. Dieses Stadium wollten wir
mit dem Gründungskongress abschließen. Aber diese Frage wirkt doch länger
nach und darf nicht ignoriert werden. Jetzt sollte im Vordergrund stehen, dass
engagierte Mitglieder selbstbestimmt und in einem produktiven Miteinander
politisch arbeiten, dass sie als Mitglieder der LINKEN Ämter und Mandate nach
Neigung und Eignung wahrnehmen. Natürlich ist es für eine gedeihliche
Zusammenarbeit wichtig zu wissen, woher jemand kommt und seine resp. ihre
politische Geschichte als Teil unserer gemeinsamen politischen Erfahrungen
einzubeziehen, aber das „Prinzip Quellpartei“ sollte möglichst kein Kriterium
mehr für Funktionen sein. Sonst kann der Geruch von Besitzstandswahrung
aufkommen, neue Mitglieder werden unter Vorbehalt auf- und wahrgenommen
und es können Mitglieder erster und zweiter Güteklasse entstehen.
3. Regierungsfrage: Der LINKEN ist es gelungen, Themen zu setzen und zu
besetzen. Aus der Opposition heraus bewegen wir bereits Debatten und
beeinflussen politische Entscheidungen. Die Medien aber interessiert zunehmend
und fast ausschließlich nur das eine: Wie hält es die LINKE (und wie die SPD)
mit der Regierungsfrage 2009 im Bund. Dabei gibt es keine hinreichend
tragfähigen Übereinstimmungen zwischen der LINKEN, der SPD und den
Grünen, die eine ernsthafte Diskussion über eine Regierungskoalition im Bund
2009 möglich oder gar nötig machte. Es wäre fatal, wenn wir uns in diese
Pseudo-Debatte verstricken ließen. Wir gefährdeten unser politisches Profil und
unsere Eigenständigkeit und Einzigartigkeit im bundesdeutschen Parteiensystem
und wir würden selbst dazu beitragen, dass unsere Themen in den Hintergrund
treten. Die sind aber gefragter denn je, vor allem:
• Soziale Gerechtigkeit (Rente, Mindestlohn, Hartz IV, Existenz sichernde
Arbeitsplätze, Leiharbeit und Zukunftsinvestitionen),
Soziale Gerechtigkeit (Rente, Mindestlohn, Hartz IV, Existenz sicherndeArbeitsplätze, Leiharbeit und Zukunftsinvestitionen),
• Umverteilungs- und Steuerpolitik,
Umverteilungs- und Steuerpolitik,• linke Außenpolitik ist Friedenspolitik (Abzug aus Afghanistan, 60 Jahre
NATO),
linke Außenpolitik ist Friedenspolitik (Abzug aus Afghanistan, 60 JahreNATO),
• Demokratie und Bürgerrechte (gegen Vorratsdatenspeicherung, Einsatz der
Bundeswehr im Inneren, EU-Grenzregime, Asyl und Zuwanderung).
Das ist nicht alles, prägt aber derzeit das Profil der LINKEN. Nur mit einem
deutlichen Profil kann die LINKE politisch gewinnen. Was passiert, wenn das
Profil zu Gunsten der Regierungsfrage verwischt wird, lehrt das italienische
Wahlergebnis.
4. Ost-West-Verhältnis: Die deutsch-deutsche Vereinigung ist eine Geschichte der
Dominanz des Westens über den Osten. Als LINKE gehen wir gegen den Strom
den Weg der Gleichheit und des gleichen Respekts. Das ist unser erklärtes Ziel,
wohl wissend, die innere Linksvereinigung steht erst am Anfang. Noch haben wir
als Gesamtpartei zu wenig Kenntnis voneinander, so entstehen Un- und
Missverständnisse. Im Westen wird zudem manchmal unsere DDR-Geschichte
als Last empfunden und im Osten möchten unsere Genossinnen und Genossen
nicht auch noch in ihrer eigenen Partei vom Westen belehrt werden. Hinzu
kommt: In den Ostländern ist DIE LINKE laut Umfragen stärkste Partei, sie muss
sich also die Regierungsfrage stellen. Wie wollen wir sie auf Landesebene
beantworten, mit welchen Inhalten, welchen Partnern? Und wie verhalten sich
mögliche Koalitionen in Ländern zu Koalitionen im Bund? Die Bundesebene
scheint klar, keine Regierungskoalition 2009. Anders auf Landesebene. Dort ist
weniger das „Ob“ als das „Wie“ umstritten. Das ist ein Thema der gesamten
Partei. Unabhängig vom Wahlergebnis entscheidet nicht der Rechenschieber, es
entscheiden immer noch Politikerinnen und Politiker über mögliche Koalitionen.
Kein Wahlergebnis „diktiert“ ein Verhalten von uns. Wir geben das Heft des
Handelns nicht aus der Hand. Wie auch immer wir kämpfen, ob in der Regierung
oder Opposition, wir tun es bewusst und verantwortlich. Die LINKE ist überall in
Verantwortung, in der Regierung wie in der Opposition. Die größte
Verantwortung ist unsere politische Berechenbarkeit und Glaubwürdigkeit. Die
dürfen wir nicht aufs Spiel setzen.
5. Sozialistische Volkspartei: Erfolgreich wird die LINKE, wenn sie mit tausend
Fäden mit dem Alltag der Menschen verbunden ist; wenn sie im Interesse und mit
den Benachteiligten für Gleichheit und gleiche Rechte streitet. In unserer Partei
gibt es eine Debatte: Wer sind die Benachteiligten? Halten wir es eher mit den
Hartz-IV-Empfängern oder mit den Mittelschichten? Geht man von der
Entwicklung des von Geldmarkt und Militarisierung getrieben Kapitalismus aus,
so geraten große Teile der Bevölkerung in Widerspruch zu dieser Entwicklung
und auch in einen Strudel, der sie nach unten ziehen oder aus der Bahn werfen
kann. Das betrifft Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, Erwerbslose und unter
ihnen vor allem die Hartz-IV-EmpfängerInnen, prekär Beschäftigte, große Teile
der jungen (Schein-) Selbständigen im IT- und in kreativen Bereichen, klassische
Selbständige und Mitteschichten, Rentnerinnen und Rentner. Und immer wieder:
Frauen.
Mit dem Alltag dieser Menschen wollen wir uns verbinden. Das ist das Konzept
einer sozialistischen Volkspartei - in Ost und West. Der Weg dorthin führt, gute
parlamentarische Arbeit vorausgesetzt, über die Mitarbeit in Vereinen, Beiräten,
Bewegungen, Initiativen und besonders über die Arbeit unserer Genossinnen und
Genossen in der Gewerkschaft und unsere Zusammenarbeit als Partei mit den
Gewerkschaften.
6. DIE LINKE und die Gewerkschaft: Auch in der Linken gibt es starke
Vorbehalte gegen eine „zu starke“ Orientierung auf die Gewerkschaften. Doch
davon kann zum einen überhaupt keine Rede sein. Wir fangen gerade an, endlich
wieder mehr Mitglieder in unserer Partei zu haben, die in ihren Betrieben oder in
Regionen gewerkschaftliche Interessenvertreterinnen und –vertreter sind, in der
Zusammenarbeit mit Gewerkschaften gehen wir erste Schritte aufeinander zu.
Zum zweiten aber, und das scheint mir wesentlicher, spiegeln sich in dieser Frage
unterschiedliche Sichtweisen, wie die Linke (darunter DIE LINKE als Partei)
hegemonial werden und die Gesellschaft verändern kann, auch, welche
Verlaufsformen Kämpfe annehmen können/sollen, etwa auch politische Streiks.
Noch immer ist die Erwerbsarbeit für die Menschen und für das Funktionieren
der Gesellschaft zentral. Wie, unter welchen Bedingungen, zu welchen Löhnen
Menschen was produzieren, charakterisiert eine Gesellschaft. Die
Aktionsfähigkeit von Gewerkschaften entscheidet mit darüber, welche Formen
der Interessengegensatz von Kapital und Arbeit annimmt, ob und wie er
ausgetragen wird. Deshalb ist es so wichtig für linke Politik, wie sich die
Gewerkschaften entwickeln. Ohne kämpferische Gewerkschaften sind weder
soziale Fortschritte noch gesellschaftliche Veränderungen möglich. Dieses
Grundverständnis ist in der LINKEN noch wenig gefestigt, das muss sich ändern.
7. Freie Debatte: Linke Organisationen haben traditionell ein spannungsgeladenes
Verhältnis zu ihren Leuten an der Spitze. Alle wissen – oder sollten es wissen -:
Ohne Gregor Gysi, Oskar Lafontaine und Lothar Bisky würde es DIE LINKE so
nicht geben. Zu der Zeit, die für DIE LINKE gekommen war, mussten die
Persönlichkeiten hinzukommen, die, mit ihren Parteien zusammen, die
historische Chance nutzen konnten. Manchmal scheint mir, der Gegner hat die
Rolle starker Persönlichkeiten in der Leitung unserer Partei und der Fraktion
besser begriffen als wir selbst, deshalb der Dauerbeschuss auf Gregor Gysi, der
ihn zermürben und in der Öffentlichkeit eine Stimmung der Verdächtigungen und
des Misstrauens gegen die LINKE schaffen soll, deshalb die ständig wiederholten
Stereotype zu Oskar Lafontaines angeblich autoritärem Führungsstil. Beides sind
für mich Beispiele von Debatten, die von außen und in Gegnerschaft zu unserer
Partei geführt werden. Ja, es gibt ihn noch, den politischen Gegner. Ihm geht es
nicht um mehr Demokratie innerhalb der LINKEN, sondern darum, uns politisch
zu vernichten. Wir müssen rasch zu wirklich freien Debatten fähig werden, indem
wir eine Steuerung und Definition unserer Haltungen, Ansichten, Probleme durch
die Medien abwerfen und stattdessen zu unseren eigenen Erfahrungen und
Ansprüchen diskutieren, zur Politik wie zu Personen.
8. Strömungen: In der Partei haben sich politische Strömungen herausgebildet,
übrigens in Übereinstimmung mit unserer Satzung, die sie im Bruch mit
Parteimodellen aus der Vergangenheit nicht nur toleriert, sondern ihnen Rechte
einräumt. DIE LINKE will eine plurale Partei sein mit unterschiedlichen
Richtungen, die - ein klareres Profil wäre aus meiner Sicht wünschenswert – um
die Inhalte und Wege der Partei wetteifern. In der Partei selbst sind Strömungen
eine Minderheit, auf Parteitagen aber haben sie entscheidenden Einfluss auf die
Mehrheitsbildung. Und da liegt ein Problem. Da ich in der Sozialistischen Linken
mitarbeite, bin auch ich davon betroffen. Ich trete dafür ein: Gesamtinteressen der
Partei gehen vor Strömungsinteressen. Strömungen sollen die Partei interessanter
und streitfähiger machen, offener und demokratischer, sie sollen die
Meinungsbildung in der Partei befördern. So weit sind wir noch nicht. Wir
brauchen mehr Transparenz und weniger Hinterzimmer, mehr politischen
Meinungsstreit und weniger Kungelei, weniger die „eigenen Leute“ platzieren
und mehr Engagement für plurale, stimmige, arbeitsfähige Leitungen und
Fraktionen.
9. Gegner und Feinde: Wir haben Konkurrenten, Gegner und auch Feinde. Die
herrschende Klasse wird DIE LINKE nicht tatenlos von Wahlerfolg zu
Wahlerfolg aufsteigen lassen. Bisher haben die Kampagnen von „außen“ uns im
Wesentlichen nicht geschadet. Die Strategie unserer Gegner wird sich stärker
darauf konzentrieren, innere Widersprüche zu verschärfen. Die kann man nicht
erfinden, sie sind da oder nicht da. Aber man kann von außen Richtung und
Formen ihrer Austragung beeinflussen. Darauf müssen wir uns einstellen.
Schon jetzt wird der Antikommunismus reaktiviert, der in der Gesellschaft nach
wie vor eine Basis hat. Erinnert sei an die Wahlkampagne von Roland Koch, die
Kommunismus-Diskussionen nach der Landtagswahl in Niedersachsen, die
Beobachtung von Strömungen durch den Verfassungsschutz, die Stigmatisierung
von Gregor Gysi. Den Antikommunismus müssen wir ernst nehmen. Er zielt auf
uns, er soll in unserer Partei zu Differenzen führen und uns gesellschaftlich
isolieren, und er zielt „nebenbei“ auch auf die SPD. Der Umgang mit Andrea
Ypsilanti ist nur ein Beispiel.
10. Parteitage: Wir müssen den Ablauf der Parteitage verändern, weg von einer
„Event-Kultur“, hin zur Organisation unserer Parteitage als Orte der politischen
Debatte und Entscheidung. Dafür brauchen wir ausreichend Zeit. Interessanter
und ausstrahlender werden unsere Parteitage, wenn sie klare politische
Schwerpunkte haben, etwa „Wie will die LINKE Arbeitsplätze schaffen?“ oder
„Wie will die LINKE Frieden sichern?“, um nur zwei aktuelle Themen zu
nennen. Dazu tragen wir dann unsere Kontroversen aus, indem sich die Redenden
aufeinander beziehen. Parteitage sind keine Bühne für eine lose
Aneinanderreihung von dem, was man und frau schon immer gesagt hat oder
immer schon mal sagen wollte. Sicher brauchen Parteitage emotionale
Höhepunkte, aber eine Dauerberieselung durch vorwiegend technische Effekte
können wir uns sparen.