[ Manuskript – es gilt das gesprochene Wort.]
Liebe Genossinnen und Genossen, liebe Freundinnen und Freunde,
es ist noch kein Jahr her, dass hier in Berlin DIE LINKE aus der Taufe gehoben
wurde. Damals sprachen wir noch von der großen Herausforderung, die es zu
bestehen gelte, nämlich den Einzug in die Landesparlamente der alten Bundesländer
zu schaffen. Heute können wir mit Stolz konstatieren: wir haben es geschafft. Die
neue LINKE ist eine gesamtdeutsche Partei geworden.
Der Erfolg der LINKEN ist auch ein Erfolg der Berliner LINKEN. Und das nicht nur,
weil wir in all diesen Wahlkämpfen in Bremen, Hessen, Niedersachsen und Hamburg
aktiv mit vielen fleißigen Genossinnen und Genossen solidarische Hilfe geleistet
haben, wofür ich allen, die daran beteiligt waren, hier auch noch mal ausdrücklich
danken möchte. Der Erfolg der LINKEN ist auch deshalb ein Erfolg der Berliner
LINKEN, weil sich eine Befürchtung, die auch in unserer Partei mal offen und mal
hinter vorgehaltener Hand geäußert wurde, nicht bewahrheitet hat: Die Politik die DIE
LINKE hier in Berlin unter Beteiligung an der Landesregierung betreibt, war KEIN
Hemmnis für die Wahl der LINKEN. Und das hat seine Gründe:
Die Forderungen mit denen DIE LINKE, aber auch hier und da die SPD und Die
Grünen in diesen Wahlkämpfen angetreten sind, um sie durchzusetzen – in Berlin
sind sie Programm der rot-roten Koalition:
Gemeinschaftsschule: Wir starten in diesem Jahr das Pilotprojekt. Wir haben
eine sechsjährige gemeinsame Grundschule und wir wollen diese ausbauen.
Gemeinschaftsschule: Wir starten in diesem Jahr das Pilotprojekt. Wir habeneine sechsjährige gemeinsame Grundschule und wir wollen diese ausbauen.
Beitragsfreie Kitaplätze: Seit Anfang 2007 ist in Berlin das letzte Kitajahr
beitragsfrei und bis 2011 wird das für den gesamten Kitabesuch gelten. Wir
wollen aber noch mehr. Wir wollen, dass der Anspruch nicht nur für
Halbtagsplätze - also 5 Stunden am Tag -, sondern mindestens für 7 Stunden
oder auch mehr gilt.
Beitragsfreie Kitaplätze: Seit Anfang 2007 ist in Berlin das letzte Kitajahrbeitragsfrei und bis 2011 wird das für den gesamten Kitabesuch gelten. Wir
wollen aber noch mehr. Wir wollen, dass der Anspruch nicht nur für
Halbtagsplätze - also 5 Stunden am Tag -, sondern mindestens für 7 Stunden
oder auch mehr gilt.
Abschaffung von Studiengebühren: Wir haben in Berlin die Einführung von
Studiengebühren erfolgreich verhindert und dabei wird es bleiben.
Abschaffung von Studiengebühren: Wir haben in Berlin die Einführung vonStudiengebühren erfolgreich verhindert und dabei wird es bleiben.
Öffentlich geförderter Beschäftigungssektor: Wir werden heute noch drauf zu
sprechen kommen, aber soviel schon mal vorweg. Wir haben bereits 1.300
Stellen geschaffen, wo wenigstens der Mindestlohn gezahlt wird. Und wir
haben im aktuellen Haushalt über 50 Millionen Euro bereitgestellt um diesen
Stellen noch deutlich mehr als die in der Koalitionsvereinbarung verabredeten
2.500 folgen zu lassen.
Öffentlich geförderter Beschäftigungssektor: Wir werden heute noch drauf zusprechen kommen, aber soviel schon mal vorweg. Wir haben bereits 1.300
Stellen geschaffen, wo wenigstens der Mindestlohn gezahlt wird. Und wir
haben im aktuellen Haushalt über 50 Millionen Euro bereitgestellt um diesen
Stellen noch deutlich mehr als die in der Koalitionsvereinbarung verabredeten
2.500 folgen zu lassen.
Keine Privatisierung der öffentlichen Daseinsvorsorge: Wir haben unser
Versprechen gehalten. Mit uns wird es das nicht geben. Die Bestände, die bei
der Wohnungsbaugesellschaft in Mitte zum Verkauf standen, sind von der
DeGeWo – einer anderen städtischen Wohnungsbaugesellschaft – erworben
worden. So wie wir es vereinbart haben.
Und auch wenn die Opposition von Grün bis Schwarz und die IHK jüngst meinten,
kalten Kaffee wieder aufwärmen zu müssen: Für uns steht die Privatisierung der
BVG nicht zur Debatte. Punkt und Aus. Und auch wenn es schwierig ist, ein solches
Unternehmen zu stabilisieren und dort komplizierte Abwägungsentscheidungen
treffen zu müssen: ein privater Betrieb ausgeschriebener Linien führt nur zu
massivem Dumping, Rosinenpickerei und letztlich einem schlechteren
Verkehrsangebot auf allen weniger lukrativen Linien. Das ist keine Ideologie, sondern
tausendfach bewiesen – und für uns schlicht nicht akzeptabel.
Liebe Genossinnen und Genossen,
es wird, glaube ich, auch deutlich, dass die Politik der LINKEN sich im Vergleich
zwischen der vergangenen und der jetzigen Legislaturperiode verändert hat. Das
gründet sich aber nicht auf einen strategischen Kurswechsel, wie man ihn bei
anderen Parteien des öfteren erlebt. Vielmehr erfüllen wir damit das Versprechen, an
das wir unsere oft umstrittenen Konsolidierungsanstrengungen immer gebunden
haben. Wir haben das nie als Selbstzweck gesehen, sondern als ein Ringen um die
Rückgewinnung politischer Spielräume. Die haben wir nun, wenn auch nicht
unbegrenzt. Aber sie sind größer geworden und wir nutzen sie jetzt. Und es gelingt
uns dabei auch besser, unsere eigenen originären Herangehensweisen an
stadtpolitische Problemlagen erkennbar zu machen.
Dabei gehen wir durchaus auch über das im Koalitionsvertrag Vereinbarte hinaus.
Das betrifft das Sozialticket, dessen Preis sich nicht erhöht hat und heute weniger als
die Hälfte eines Monatstickets beträgt. Die in der Koalitionsvereinbarung
festgeschriebene Senkung der Personalausgaben um weitere 150 Millionen ist im
aktuellen Doppelhaushalt kassiert. Ja mehr noch, wir sind derzeit auch in der Lage,
die Rückkehr in die Tarifgemeinschaft der Länder auf die Tagesordnung zu setzen.
Wir haben die SPD dazu lange drängen müssen, aber jetzt hat der Senat Ver.di das
Angebot gemacht, über den Weg dahin zu reden. Und ich hoffe, die Gewerkschaften
werden dieses Angebot zum Gespräch annehmen.
Die zurückgewonnenen Spielräume wollen wir auch nutzen, um ein anderes
Dauerproblem der Berliner Politik einer gerechteren Lösung zu zuführen: das System
der Finanzzuweisung an die Bezirke. Was hier auf den ersten Blick recht dröge und
langweilig klingt, brennt vielen von uns aber unter den Nägeln. Geht es hier doch um
die Finanzierung der vielen kleinen Dinge, die das Leben in der Stadt lebenswert
machen. Um die Finanzierung von Musikschulen, freien Trägern,
Kultureinrichtungen, Bibliotheken u.v.a.m. Und es geht letztlich auch um die Frage,
ob wir eine bürgernahe Gestaltung der Lebensverhältnisse in dieser Stadt
ermöglichen können oder ob die Bezirksverordnetenversammlungen nur noch für die
folgenlose Kommentierung der Entscheidungen der Finanzverwaltung da sind. Das
wird, so unser Vorschlag, Thema auf unserer Tagung im Oktober sein. All diese
Probleme haben uns schon lange beschäftigt und ich bin froh darüber, dass wir uns
jetzt ihrer Lösung widmen können.
Doch damit können wir uns auf Dauer nicht begnügen. Mit unserem heutigen
Parteitag wollen wir daher schon einen Schritt weiter gehen und uns neuen Themen
öffnen. Die Probleme prekärer Beschäftigung spielen derzeit in der öffentlichen
Aufmerksamkeit oftmals nur eine untergeordnete Rolle. Hin und wieder erleben damit
verbundene Einzelfragen eine kurze mediale Konjunktur. Zumeist wird aber nicht
klar, dass es sich um keine Randerscheinung handelt, sondern die Veränderung der
Arbeitswelt massiv und in ihrer Mitte prägt. Gerade in einer Stadt wie Berlin prägt das
die Lebensrealität ´zigtausender Menschen. Sie erleben das aber – auch das ist ein
Merkmal prekärer Beschäftigung – zumeist als ihr individuelles Schicksal. Und
manche empfinden es nicht einmal so. Dabei gibt es eine Parallele zwischen dem
selbstständigen Webdesigner, der sich von Auftrag zu Auftrag hangelt und der
nichtbezahlten Praktikantin, deren Hoffnung auf einen Einstieg ins geregelte
Berufsleben schamlos ausgenutzt wird. So wie es auch einen Zusammenhang
zwischen der Alleinerziehenden mit Minijob an der Supermarktkasse und dem
Leiharbeiter gibt, der zwar die gleiche Arbeit wie seine festangestellten Kolleginnen
und Kollegen leistet, der aber nicht die gleichen Rechte im Betrieb hat und auch noch
schlechter bezahlt wird.
Natürlich freut es uns erst einmal, wenn die Zahl der Erwerbstätigen in Berlin derzeit
wieder zunimmt. Das darf aber nicht den Blick darauf verstellen, dass diese
Entwicklung prekär ist. Berlin ist leider die Hauptstadt prekärer Beschäftigung. Denn
rund die Hälfte dieser neuen Beschäftigungsverhältnisse entsteht auf Basis von
Leiharbeit. Das bedeutet: sie werden zum allergrößten Teil zu schlechteren
Konditionen abgeschlossen als bei einer Festanstellung des
Normalarbeitsverhältnisses. Bei den nächsten Krisenanzeichen werden sie ganz
schnell wieder vor die Tür gesetzt. Das bedeutet für die Betroffenen, dass sie für ihre
eigene Lebensplanung keinerlei Sicherheit haben. Wenn man aber nie weiß, ob und
wie es in einem Vierteljahr weitergeht, wenn man ständig ein Leben auf Abruf führt,
dann hat das gravierende Auswirkungen auf Familie, Freundschaften,
Nachbarschaft, kurz gesagt: auf die soziale Beziehungen und den sozialen
Zusammenhalt. In dem Maß, wie sich aber soziale Beziehungen auflösen, löst sich
auch die Gesellschaft auf.
Liebe Genossinnen und Genossen,
die Zunahme prekärer Beschäftigung ist daher mehr als ein arbeitsmarktpolitisches
Problem. Sie wird ab einem bestimmten Punkt zu einem gesellschaftspolitischen
Problem ersten Ranges, zu einem Problem von Demokratie und menschlicher
Emanzipation, zu einem Problem gesellschaftlicher Wandlungs- und
Veränderungsfähigkeit. Ohne das im Einzelnen ausführen zu können: Große soziale
Verwerfungen zerstören die Basis der Gesellschaft und das lässt sich auch spüren.
Mit der Thematisierung der verschiedenen Facetten und Probleme prekärer Arbeit
wollen wir auch einen Beitrag leisten, sich dieser Zusammenhänge bewusst zu
werden. Wir wollen eine Bewegung stärken, die sich gegen die gnadenlose
Ausrichtung der Menschen nach den wirtschaftlichen Erfordernissen von
Unternehmen, nach den Erwartungen von Börsenkursentwicklungen und Rendite,
richtet. Wir wollen eine Bewegung, die das Recht einer und eines Jeden auf ein
selbstbestimmtes Leben einfordert. Wir wollen Zustände, in denen der Mensch ein
Mensch ist – und nicht nur ein allzeit verfügbarer Träger der Ware Arbeitskraft.
Die Gewerkschaften haben bereits vor einiger Zeit begonnen, das Thema auf die
Tagesordnung zu setzen. Und deshalb ist es gut, wenn sie ihre Demonstrationen am
diesjährigen 1. Mai unter das zentrale Motto „Gute Arbeit muss drin sein“ stellen. Und
deshalb sollte ein Ergebnis unserer heutigen Tagung auch sein, dass die LINKE am
1. Mai sich sichtbar an der DGB-Demonstration beteiligt. Unsere Bundestagfraktion
hat bereits vor einigen Monaten ein „Manifest für Gute Arbeit“ verabschiedet, dass
nach meiner Beobachtung aber auch in unserer Partei noch nicht so wahrgenommen
wird, wie es das verdient. Ich verstehe unsere heutige Tagung daher auch als einen
Beitrag zum weiteren Zusammenwachsen der LINKEN. Ich meine, dass die hier
heute diskutierten Anliegen uns über die Quellorganisationen und die verschiedenen
Strömungen hinweg miteinander verbinden und dass uns das Thema als Partei DIE
LINKE in den kommenden Jahren massiv beschäftigen wird.
Und – vier Wochen vor unserem Bundesparteitag sei mir diese Abschweifung
gestattet – ich halte die Diskussion über das, was uns in der Partei konkret
miteinander verbindet, über unsere gemeinsame Identität für wichtiger als die hier
und da zu bemerkenden Versuche, taktische Differenzen zu Grundsatzkonflikten
aufzublasen und gegenüber dem innerparteilicher Gegner Punkte zu machen. 90%
unserer Kraft für die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und 10% für die
innerparteilichen Querelen, das war die Empfehlung Gregor Gysis auf dem
Gründungsparteitag und an DIESE sollten wir uns auch weiterhin halten.
Liebe Genossinnen und Genossen,
das Thema Prekäre Beschäftigung ist dabei nur ein Thema unter mehreren, denen
wir uns perspektivisch wieder intensiver widmen müssen. Nicht zu allen werden wir
extra Parteitagstagungen abhalten können. Sie alle stehen aber in einem
Zusammenhang. Wenn wir uns heute hier damit auseinandersetzen, was es
bedeutet, wenn sich die menschlichen Bedürfnisse der arbeitenden Bevölkerung und
der Ausgegrenzten in wachsendem Maße den betriebswirtschaftlichen Bedürfnissen
der Unternehmen in einem global organisierten Wettbewerb unterzuordnen haben,
so müssen wir uns auch wieder verstärkt der Frage zuwenden, welche Auswirkungen
es hat, wenn große Städte sich an den Erfordernissen eines globalen Wettbewerbs
ausrichten. Seit einiger Zeit können wir auch in Berlin bemerken, wie die Diskussion
um die Zukunft der Stadt, also um die Frage „Welche Interessen werden sich in der
Entwicklung Berlins durchsetzen?“ wieder an Brisanz gewinnt. Denn Berlin ist keine
„Insel der Glückseligen“, vor deren Toren der neoliberale Umbau halt macht, nur weil
hier die LINKE mitregiert. Unternehmen stellen ihre Ansprüche an die Stadt, ebenso
wie die verschiedenen sozialen Gruppen, die in ihr leben. Der Zugang zu
Ressourcen, Flächen, Nutzungsmöglichkeiten, Stadtgebieten ist umkämpft. Wir leben
selbstverständlich in einer umkämpften Stadt...
In großen Städten wie Berlin treten aber nicht nur gesellschaftliche Probleme und
Interessenauseinandersetzungen vehementer zu Tage und werfen neue Fragen auf.
Hier entstehen auch neue Antworten und Lösungen, beginnt die Suche nach
Alternativen. Dies aufzugreifen, nach neuen politischen Strategien und Lösungen zu
suchen, ist die Aufgabe, vor der wir stehen.
Berlin bietet dafür gute Voraussetzungen. Trotz aller Herausforderungen durch
Armut, Arbeitslosigkeit, Integrationsproblemen, Verschuldung der öffentlichen
Haushalte und des schwierigen wirtschaftlichen Wandlungsprozesses ist Berlin
international und deutschlandweit attraktiver denn je. Weil hier – anders als in
anderen großen Metropolen – die Möglichkeiten des Zugangs zu Kultur und Bildung,
zu lebenswertem Wohnen, zu Mobilität und städtischer Infrastruktur, zum öffentlichen
Raum und zu Natur und Umwelt größer sind, sind auch der soziale Zusammenhalt
und die Freiheit, an gesellschaftlichen Prozessen teilzuhaben und sich einzubringen,
stärker ausgeprägt als anderswo.
Jenseits der alltäglichen politischen Auseinandersetzung in der Koalition haben DIE
LINKE und die SPD ein gemeinsames politisches Projekt, das über die Stadt und den
Tag hinausweist: Eine moderne Stadtgesellschaft solidarisch und nachhaltig zu
organisieren und der Ökonomisierung aller Lebensbereiche die Vision einer freien,
gerechten und solidarischen Gesellschaft entgegenzusetzen. Nachdem die
Aufräumarbeiten nach dem Zusammenbruch der CDU-SPD-Koalition erledigt sind,
hat in der Stadt eine Debatte um und über die Zukunft begonnen. Die Bereitschaft,
sich in diese Debatte einzubringen, die in Berlin geführt wird, ist allerorten mit
Händen zu greifen – weit über Berlin hinaus: in Initiativen und Organisationen, in
Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur. Eine solche Debatte betrifft Strategien gegen
Perspektivlosigkeit für die junge Generation.
Es geht um die Stärkung der politischen und kulturellen Beteiligung der Bevölkerung
an der Gestaltung der Stadt. Es geht um die Armut in manchen Stadtquartieren, um
die Herausforderungen, die bei der Entwicklung der Großsiedlungen zu stemmen
sind. Welche ökonomischen und sozialen Perspektiven sehen wir hier? Wie sichern
wir über die Gemeinschaftsschule hinaus gleiche Bildungschancen für alle? Es geht
um Integrationsstrategien, die die finanzielle Situation Berlins, die wirtschaftlichen
Perspektiven, die sozialen, ökologischen und kulturellen Entwicklungspfade
gleichermaßen berücksichtigen und ressortübergreifend erdacht und erarbeitet
werden. Es geht um unterschiedliche Lebensentwürfe, für die in unserer Stadt Platz
ist und auch zukünftig Platz sein muss, um die Gleichberechtigung der Geschlechter
und unterschiedlicher Familienvorstellungen. Wie ist das zu bewerkstelligen? Es geht
um die Rolle, die die öffentlichen Unternehmen der Stadt – von den
Wohnungsbaugesellschaften über die Ver- und Entsorgungsdienstleister bis hin zu
den Krankenhäusern – bei der Gestaltung sozialer Stadtpolitik und der Sicherung
des sozialen Zusammenhalts spielen sollen. Welche Bereiche sind fundamental für
die soziale Metropole, welche sind es eher nicht? Wo müssen wir dringend den
Anschluss bei den Beschäftigten über die Generationen hinweg sichern? Wie gelingt
es, die Potenziale der Stadt hier in Berlin zu halten?
Alle, die sich für die soziale Metropole Berlin einsetzen – die öffentlichen
Unternehmen, die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes, die Berliner
Gewerkschaften, die Interessenvertretungen der Wirtschaft in der Stadt, aber auch
die freien Träger der sozialen Arbeit, die stadtpolitischen Initiativen, die Bezirke und
Ihre Akteurinnen und Akteure – sind Kooperations- und Diskussionspartner für die
Entwicklung solcher Strategien.
Liebe Genossinnen und Genossen,
was es heißt, in einer umkämpften Stadt zu leben, können wir dieser Tage
eindrucksvoll erleben. Was morgen beim Volksentscheid zur Abstimmung steht, ist
daher auch mehr als nur die Frage, ob man ein paar Geschäftsfliegern und kleinen
Fluggesellschaften ihre innerstädtische Landebahn gönnt oder nicht. Es geht dabei
vielmehr um die Frage, ob die Stadt eine so riesige Fläche wie das Tempelhofer Feld
privaten Interessen zur Verfügungen stellt oder sie für möglichst breite Kreise der
Bevölkerung nutzbar macht. Und es geht um die Frage, ob sich das Bedürfnis
Hunderttausender Menschen in Tempelhof, Neukölln, Reinickendorf und Pankow
nach weniger Lärm und besserer Luft, dem Bedürfnis einiger Weniger unterzuordnen
hat, eine Viertelstunde schneller in der Innenstadt zu sein. Ich habe ja durchaus
Verständnis dafür, dass das Herz vieler Menschen im Westteil unserer Stadt an
diesem Flughafen hängt. Ob aber das Bedürfnis nach Erinnerung notwendiger Weise
damit verbunden sein muss, dass dort Flugzeuge starten und landen, und dafür
Tausende Menschen mit dem Risiko leben müssen, dass ihnen eines davon eines
Tages mal wieder in den Hinterhof kracht, das erlauben wir uns dann doch in Frage
zu stellen.
Die Auseinandersetzung über die Zukunft von Tempelhof ist daher ein Kampf
unterschiedlicher Interessen. Und es ist richtig: dieser Kampf wird weitergehen, wenn
der Flughafen geschlossen ist. Dann wird die Frage stehen, wessen Interessen sich
bei der Nachnutzung des Gebäudes und des Geländes durchsetzen werden und wie
verschiedene Nutzungsbedürfnisse in einen sinnvollen Ausgleich zueinander
gebracht werden können. DIE LINKE wird sich in diese Auseinandersetzung
einbringen und deshalb ist es gut, das wir heute einen Antrag vorliegen haben, der
den Blick bereits auf diese Frage richtet.
Doch davor gilt es zunächst beim morgigen Volksentscheid dafür zu sorgen, dass wir
diese Auseinandersetzung führen zu können. Deshalb rufe ich nochmals alle
Berlinerinnen und Berliner auf: Nehmen Sie am Volksentscheid teil und stimmen Sie
mit NEIN! Es ist nicht egal, ob dem dicken Geld und der geschichtsvergessenen
Berliner CDU diese Sache durchgeht. Gregor hat Recht mit seiner gestrigen Ansage
im Bundestag: „Was Pflüger macht, ist übel“. Pflüger weiß, dass ein CDU-geführter
Senat die Schließung Tempelhofs eingefädelt hat und dass der Entscheid rechtlich
nicht umsetzbar ist. Ja, das ist Betrug am Volk, nichts anderes.
Liebe Genossinnen und Genossen,
die Auseinandersetzung über die Zukunft von Tempelhof zeigt hier noch etwas
anderes. Der Kampf um die Deutungshoheit, um die Hegemonie im Diskurs über die
zukünftige Entwicklung unserer Stadt, hat an Schärfe zugenommen. In ihm spiegeln
sich nicht nur die beschriebenen ökonomischen Interessen Einiger, sondern zugleich
das politische Interesse alter wie auch neuer Eliten in und außerhalb der Stadt, die
rot-rote Koalition möglichst bald aus dem Weg zu räumen. Einerseits aus konkreten
stadtpolitischen Interessen und andererseits aus bundespolitischen Erwägungen.
Sonst hätte sich z.B. die Chefin der gleichen Bundesregierung, die im Bundestag die
Schließung des Airports für zwingend und erklärt, nicht zu Wort gemeldet und ihrem
früheren Rüstungsstaatssekretär den Rücken gestärkt.
Das hängt natürlich auch mit den eingangs beschriebenen Veränderungen in unserer
Politik zusammen. In dem Maße, wie wir uns für bestimmte Regulationen des
Wettbewerbs und seiner Begrenzung einsetzen, geraten wir auch mit den
kurzfristigen Interessen von Unternehmen in dieser Stadt aneinander. Und dabei wird
auch deutlich, dass das Kapitalverwertungsinteresse nur einen sehr beschränkten
Horizont besitzt. Denn eigentlich sollten selbst Berliner Wirtschaftsvertreter eins und
eins zusammenzählen können. Ein permanenter Dumpingwettbewerb ruiniert auf
längere Sicht das Gesellschafts- und das Wirtschaftssystem insgesamt und damit
schließlich auch sie. Auf dieser schiefen Ebene gibt es nämlich kein Halten mehr.
Dennoch überrascht es uns nicht, dass sich die IHK in Berlin gegen unseren ÖBS
ausspricht und sich gegen Mindestlöhne und erst recht gegen ein Vergabegesetz zur
Wehr setzt, dass Mindestlöhne und Tarifverträge zum Kriterium bei öffentlichen
Ausschreibungen erklärt. Überraschender ist es dagegen schon, dass die IHK uns
auffordert, das größte Infrastrukturprojekt der Region zu gefährden, dessen
Bedeutung und Notwendigkeit sie ansonsten nie genug betonen konnte. Allein das
zeigt, dass es hier um wesentlich mehr geht als um rein wirtschaftspolitische
Interessenvertretung.
Nicht gänzlich unerwartet ist auch der Widerstand, der uns auf der Bundesebene bei
der Umsetzung unserer Vorstellungen von einem öffentlich geförderten
Beschäftigungssektor begegnet. Denn natürlich ist da das Interesse an einer
funktionierenden Alternative zu Hartz IV und Ein-Euro-Jobs begrenzt. Ich kann mich
aber auch hier nur wiederholen: auf Dauer führt kein Weg an Alternativen vorbei,
denn Hartz IV verfestigt die soziale Spaltung der Gesellschaft zum Schaden aller.
Aber auch bei Themen, die nicht unmittelbar ökonomische Interessen berühren,
bekommen wir stärkeren Gegenwind – insbesondere da, wo es originär um unsere
Projekte geht. Daher ist es auch nicht überraschend, wenn immer wieder – scheinbar
sachlich neutral – Einwände gegen unser Projekt einer Gemeinschaftsschule
erhoben werden, wie jüngst bspw. durch Professor Lehmann von der Humboldt-Uni.
Oder demnächst, wenn die Kirchen ihr Volksbegehren für ein Wahlpflichtfach
Religion starten werden. Und – auch das soll nicht unerwähnt bleiben – wir haben es
nach wie vor mit einem hartnäckigen Widerstand seitens der Polizei bei der
Einführung der individuellen Kennzeichnungspflicht zu tun.
Die Auseinandersetzung um rot-rot wird aber mittlerweile nicht mehr nur auf der
städtischen Bühne ausgetragen, sie verlagert sich zunehmend auch ins
Nationaltheater. Mit der Etablierung der LINKEN im bundesdeutschen
Parteiengefüge geraten die altbekannten Mehrheitsverhältnisse und die klassische
Koalitionsarithmetik durcheinander. Und weil die rot-rote Koalition all jenen ein Dorn
im Auge ist, die DIE LINKE unter politische Quarantäne stellen wollen, werden sie
uns auch in Zukunft Knüppel zwischen die Beine werfen.
Um so mehr als immer deutlicher wird, dass auch die Berliner SPD sich in der
Kooperation mit uns in relevanten Punkten nach links bewegt hat. Die
Mindestlohninitiative im Bundesrat, die Änderung des Vergabegesetzes, beitragsfreie
Kitaplätze, klare Positionen im Kampf gegen Rechtsextremismus – all das sind
Positionen, mit denen sich unser Koalitionspartner in der Bundes-SPD klar links
positioniert. Und es ist kein Zufall oder auch nur einer zwischenmenschlichen
Abneigung zwischen Thilo Sarrazin und Hartmut Mehdorn geschuldet, dass Klaus
Wowereit in der Frage der Bahnprivatisierung eine klare Kritik auch an dem jetzt
ausgehandelten Beck-Kompromiss erkennen lässt. Berlin positioniert sich also ganz
klar links vom bundesdeutschen Mainstream. Das geschieht mit voller Absicht und
ruft Phantasien vom Untergang des Abendlandes auf den Plan.
In dem Maße, wie die Aussicht wächst, dass das Berliner Beispiel auch in anderen
Bundesländern politisch Schule machen könnte, werden wir stärkeren Angriffen
ausgesetzt sein werden. Auch von jenen in der SPD, die eine Abkehr von der Politik
Schröders ablehnen.
Liebe Genossinnen und Genossen,
all das macht doch aber nur deutlich, was wir schon immer prognostiziert haben.
Was wir in Berlin oder bundesweit anstreben: Nichts davon wird uns einfach
geschenkt werden! Wir können es auch nicht einfach anordnen, nur weil wir an der
Regierung beteiligt sind. Um all das gilt es einen Kampf zu führen und zwar nicht in
erster Linie in der Koalition und im Parlament, sondern in der Gesellschaft und ihren
Institutionen. Und diesen Kampf können weder die Senatorinnen, noch die Fraktion,
noch der Landesvorstand allein führen, den müssen wir gemeinsam führen.
Liebe Genossinnen und Genossen,
lasst uns diesen Kampf aufnehmen: entschlossen und engagiert, aktiv und
gesellschaftsgerichtet, mit dem Blick in die Zukunft und auch ein wenig Feuer. Wer
andere für diesen Kampf gewinnen will, muss das auch ausstrahlen. Unsere
Plattform für den Kampf ist nicht unsere Landesorganisation, es ist unsere
Stadtgesellschaft! Dieser Parteitag ist ein weiterer Schritt, hierfür Ideen zu gewinnen,
Konzepte zu generieren und dann müssen wir los, um für ihre Umsetzung
einzutreten. Wir haben es in der Hand und wir sind alle gefragt. Nicht uns selbst
müssen wir überzeugen, sondern die Berlinerinnen und Berliner, unsere
Verbündeten in der stadtpolitischen Auseinandersetzung. Dafür arbeiten wir
zusammen, dafür werden wir gewählt, dafür haben wir ein Programm und dafür
tragen wir hier in Berlin einen Teil der Verantwortung. Lasst uns an die Arbeit gehen!
Ich wünsche uns einen erfolgreichen Parteitag!
Ich danke Euch für Eure Aufmerksamkeit.
Keine Privatisierung der öffentlichen Daseinsvorsorge: Wir haben unserVersprechen gehalten. Mit uns wird es das nicht geben. Die Bestände, die bei
der Wohnungsbaugesellschaft in Mitte zum Verkauf standen, sind von der
DeGeWo – einer anderen städtischen Wohnungsbaugesellschaft – erworben
worden. So wie wir es vereinbart haben.
Und auch wenn die Opposition von Grün bis Schwarz und die IHK jüngst meinten,
kalten Kaffee wieder aufwärmen zu müssen: Für uns steht die Privatisierung der
BVG nicht zur Debatte. Punkt und Aus. Und auch wenn es schwierig ist, ein solches
Unternehmen zu stabilisieren und dort komplizierte Abwägungsentscheidungen
treffen zu müssen: ein privater Betrieb ausgeschriebener Linien führt nur zu
massivem Dumping, Rosinenpickerei und letztlich einem schlechteren
Verkehrsangebot auf allen weniger lukrativen Linien. Das ist keine Ideologie, sondern
tausendfach bewiesen – und für uns schlicht nicht akzeptabel.
Liebe Genossinnen und Genossen,
es wird, glaube ich, auch deutlich, dass die Politik der LINKEN sich im Vergleich
zwischen der vergangenen und der jetzigen Legislaturperiode verändert hat. Das
gründet sich aber nicht auf einen strategischen Kurswechsel, wie man ihn bei
anderen Parteien des öfteren erlebt. Vielmehr erfüllen wir damit das Versprechen, an
das wir unsere oft umstrittenen Konsolidierungsanstrengungen immer gebunden
haben. Wir haben das nie als Selbstzweck gesehen, sondern als ein Ringen um die
Rückgewinnung politischer Spielräume. Die haben wir nun, wenn auch nicht
unbegrenzt. Aber sie sind größer geworden und wir nutzen sie jetzt. Und es gelingt
uns dabei auch besser, unsere eigenen originären Herangehensweisen an
stadtpolitische Problemlagen erkennbar zu machen.
Dabei gehen wir durchaus auch über das im Koalitionsvertrag Vereinbarte hinaus.
Das betrifft das Sozialticket, dessen Preis sich nicht erhöht hat und heute weniger als
die Hälfte eines Monatstickets beträgt. Die in der Koalitionsvereinbarung
festgeschriebene Senkung der Personalausgaben um weitere 150 Millionen ist im
aktuellen Doppelhaushalt kassiert. Ja mehr noch, wir sind derzeit auch in der Lage,
die Rückkehr in die Tarifgemeinschaft der Länder auf die Tagesordnung zu setzen.
Wir haben die SPD dazu lange drängen müssen, aber jetzt hat der Senat Ver.di das
Angebot gemacht, über den Weg dahin zu reden. Und ich hoffe, die Gewerkschaften
werden dieses Angebot zum Gespräch annehmen.
Die zurückgewonnenen Spielräume wollen wir auch nutzen, um ein anderes
Dauerproblem der Berliner Politik einer gerechteren Lösung zu zuführen: das System
der Finanzzuweisung an die Bezirke. Was hier auf den ersten Blick recht dröge und
langweilig klingt, brennt vielen von uns aber unter den Nägeln. Geht es hier doch um
die Finanzierung der vielen kleinen Dinge, die das Leben in der Stadt lebenswert
machen. Um die Finanzierung von Musikschulen, freien Trägern,
Kultureinrichtungen, Bibliotheken u.v.a.m. Und es geht letztlich auch um die Frage,
ob wir eine bürgernahe Gestaltung der Lebensverhältnisse in dieser Stadt
ermöglichen können oder ob die Bezirksverordnetenversammlungen nur noch für die
folgenlose Kommentierung der Entscheidungen der Finanzverwaltung da sind. Das
wird, so unser Vorschlag, Thema auf unserer Tagung im Oktober sein. All diese
Probleme haben uns schon lange beschäftigt und ich bin froh darüber, dass wir uns
jetzt ihrer Lösung widmen können.
Doch damit können wir uns auf Dauer nicht begnügen. Mit unserem heutigen
Parteitag wollen wir daher schon einen Schritt weiter gehen und uns neuen Themen
öffnen. Die Probleme prekärer Beschäftigung spielen derzeit in der öffentlichen
Aufmerksamkeit oftmals nur eine untergeordnete Rolle. Hin und wieder erleben damit
verbundene Einzelfragen eine kurze mediale Konjunktur. Zumeist wird aber nicht
klar, dass es sich um keine Randerscheinung handelt, sondern die Veränderung der
Arbeitswelt massiv und in ihrer Mitte prägt. Gerade in einer Stadt wie Berlin prägt das
die Lebensrealität ´zigtausender Menschen. Sie erleben das aber – auch das ist ein
Merkmal prekärer Beschäftigung – zumeist als ihr individuelles Schicksal. Und
manche empfinden es nicht einmal so. Dabei gibt es eine Parallele zwischen dem
selbstständigen Webdesigner, der sich von Auftrag zu Auftrag hangelt und der
nichtbezahlten Praktikantin, deren Hoffnung auf einen Einstieg ins geregelte
Berufsleben schamlos ausgenutzt wird. So wie es auch einen Zusammenhang
zwischen der Alleinerziehenden mit Minijob an der Supermarktkasse und dem
Leiharbeiter gibt, der zwar die gleiche Arbeit wie seine festangestellten Kolleginnen
und Kollegen leistet, der aber nicht die gleichen Rechte im Betrieb hat und auch noch
schlechter bezahlt wird.
Natürlich freut es uns erst einmal, wenn die Zahl der Erwerbstätigen in Berlin derzeit
wieder zunimmt. Das darf aber nicht den Blick darauf verstellen, dass diese
Entwicklung prekär ist. Berlin ist leider die Hauptstadt prekärer Beschäftigung. Denn
rund die Hälfte dieser neuen Beschäftigungsverhältnisse entsteht auf Basis von
Leiharbeit. Das bedeutet: sie werden zum allergrößten Teil zu schlechteren
Konditionen abgeschlossen als bei einer Festanstellung des
Normalarbeitsverhältnisses. Bei den nächsten Krisenanzeichen werden sie ganz
schnell wieder vor die Tür gesetzt. Das bedeutet für die Betroffenen, dass sie für ihre
eigene Lebensplanung keinerlei Sicherheit haben. Wenn man aber nie weiß, ob und
wie es in einem Vierteljahr weitergeht, wenn man ständig ein Leben auf Abruf führt,
dann hat das gravierende Auswirkungen auf Familie, Freundschaften,
Nachbarschaft, kurz gesagt: auf die soziale Beziehungen und den sozialen
Zusammenhalt. In dem Maß, wie sich aber soziale Beziehungen auflösen, löst sich
auch die Gesellschaft auf.
Liebe Genossinnen und Genossen,
die Zunahme prekärer Beschäftigung ist daher mehr als ein arbeitsmarktpolitisches
Problem. Sie wird ab einem bestimmten Punkt zu einem gesellschaftspolitischen
Problem ersten Ranges, zu einem Problem von Demokratie und menschlicher
Emanzipation, zu einem Problem gesellschaftlicher Wandlungs- und
Veränderungsfähigkeit. Ohne das im Einzelnen ausführen zu können: Große soziale
Verwerfungen zerstören die Basis der Gesellschaft und das lässt sich auch spüren.
Mit der Thematisierung der verschiedenen Facetten und Probleme prekärer Arbeit
wollen wir auch einen Beitrag leisten, sich dieser Zusammenhänge bewusst zu
werden. Wir wollen eine Bewegung stärken, die sich gegen die gnadenlose
Ausrichtung der Menschen nach den wirtschaftlichen Erfordernissen von
Unternehmen, nach den Erwartungen von Börsenkursentwicklungen und Rendite,
richtet. Wir wollen eine Bewegung, die das Recht einer und eines Jeden auf ein
selbstbestimmtes Leben einfordert. Wir wollen Zustände, in denen der Mensch ein
Mensch ist – und nicht nur ein allzeit verfügbarer Träger der Ware Arbeitskraft.
Die Gewerkschaften haben bereits vor einiger Zeit begonnen, das Thema auf die
Tagesordnung zu setzen. Und deshalb ist es gut, wenn sie ihre Demonstrationen am
diesjährigen 1. Mai unter das zentrale Motto „Gute Arbeit muss drin sein“ stellen. Und
deshalb sollte ein Ergebnis unserer heutigen Tagung auch sein, dass die LINKE am
1. Mai sich sichtbar an der DGB-Demonstration beteiligt. Unsere Bundestagfraktion
hat bereits vor einigen Monaten ein „Manifest für Gute Arbeit“ verabschiedet, dass
nach meiner Beobachtung aber auch in unserer Partei noch nicht so wahrgenommen
wird, wie es das verdient. Ich verstehe unsere heutige Tagung daher auch als einen
Beitrag zum weiteren Zusammenwachsen der LINKEN. Ich meine, dass die hier
heute diskutierten Anliegen uns über die Quellorganisationen und die verschiedenen
Strömungen hinweg miteinander verbinden und dass uns das Thema als Partei DIE
LINKE in den kommenden Jahren massiv beschäftigen wird.
Und – vier Wochen vor unserem Bundesparteitag sei mir diese Abschweifung
gestattet – ich halte die Diskussion über das, was uns in der Partei konkret
miteinander verbindet, über unsere gemeinsame Identität für wichtiger als die hier
und da zu bemerkenden Versuche, taktische Differenzen zu Grundsatzkonflikten
aufzublasen und gegenüber dem innerparteilicher Gegner Punkte zu machen. 90%
unserer Kraft für die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und 10% für die
innerparteilichen Querelen, das war die Empfehlung Gregor Gysis auf dem
Gründungsparteitag und an DIESE sollten wir uns auch weiterhin halten.
Liebe Genossinnen und Genossen,
das Thema Prekäre Beschäftigung ist dabei nur ein Thema unter mehreren, denen
wir uns perspektivisch wieder intensiver widmen müssen. Nicht zu allen werden wir
extra Parteitagstagungen abhalten können. Sie alle stehen aber in einem
Zusammenhang. Wenn wir uns heute hier damit auseinandersetzen, was es
bedeutet, wenn sich die menschlichen Bedürfnisse der arbeitenden Bevölkerung und
der Ausgegrenzten in wachsendem Maße den betriebswirtschaftlichen Bedürfnissen
der Unternehmen in einem global organisierten Wettbewerb unterzuordnen haben,
so müssen wir uns auch wieder verstärkt der Frage zuwenden, welche Auswirkungen
es hat, wenn große Städte sich an den Erfordernissen eines globalen Wettbewerbs
ausrichten. Seit einiger Zeit können wir auch in Berlin bemerken, wie die Diskussion
um die Zukunft der Stadt, also um die Frage „Welche Interessen werden sich in der
Entwicklung Berlins durchsetzen?“ wieder an Brisanz gewinnt. Denn Berlin ist keine
„Insel der Glückseligen“, vor deren Toren der neoliberale Umbau halt macht, nur weil
hier die LINKE mitregiert. Unternehmen stellen ihre Ansprüche an die Stadt, ebenso
wie die verschiedenen sozialen Gruppen, die in ihr leben. Der Zugang zu
Ressourcen, Flächen, Nutzungsmöglichkeiten, Stadtgebieten ist umkämpft. Wir leben
selbstverständlich in einer umkämpften Stadt...
In großen Städten wie Berlin treten aber nicht nur gesellschaftliche Probleme und
Interessenauseinandersetzungen vehementer zu Tage und werfen neue Fragen auf.
Hier entstehen auch neue Antworten und Lösungen, beginnt die Suche nach
Alternativen. Dies aufzugreifen, nach neuen politischen Strategien und Lösungen zu
suchen, ist die Aufgabe, vor der wir stehen.
Berlin bietet dafür gute Voraussetzungen. Trotz aller Herausforderungen durch
Armut, Arbeitslosigkeit, Integrationsproblemen, Verschuldung der öffentlichen
Haushalte und des schwierigen wirtschaftlichen Wandlungsprozesses ist Berlin
international und deutschlandweit attraktiver denn je. Weil hier – anders als in
anderen großen Metropolen – die Möglichkeiten des Zugangs zu Kultur und Bildung,
zu lebenswertem Wohnen, zu Mobilität und städtischer Infrastruktur, zum öffentlichen
Raum und zu Natur und Umwelt größer sind, sind auch der soziale Zusammenhalt
und die Freiheit, an gesellschaftlichen Prozessen teilzuhaben und sich einzubringen,
stärker ausgeprägt als anderswo.
Jenseits der alltäglichen politischen Auseinandersetzung in der Koalition haben DIE
LINKE und die SPD ein gemeinsames politisches Projekt, das über die Stadt und den
Tag hinausweist: Eine moderne Stadtgesellschaft solidarisch und nachhaltig zu
organisieren und der Ökonomisierung aller Lebensbereiche die Vision einer freien,
gerechten und solidarischen Gesellschaft entgegenzusetzen. Nachdem die
Aufräumarbeiten nach dem Zusammenbruch der CDU-SPD-Koalition erledigt sind,
hat in der Stadt eine Debatte um und über die Zukunft begonnen. Die Bereitschaft,
sich in diese Debatte einzubringen, die in Berlin geführt wird, ist allerorten mit
Händen zu greifen – weit über Berlin hinaus: in Initiativen und Organisationen, in
Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur. Eine solche Debatte betrifft Strategien gegen
Perspektivlosigkeit für die junge Generation.
Es geht um die Stärkung der politischen und kulturellen Beteiligung der Bevölkerung
an der Gestaltung der Stadt. Es geht um die Armut in manchen Stadtquartieren, um
die Herausforderungen, die bei der Entwicklung der Großsiedlungen zu stemmen
sind. Welche ökonomischen und sozialen Perspektiven sehen wir hier? Wie sichern
wir über die Gemeinschaftsschule hinaus gleiche Bildungschancen für alle? Es geht
um Integrationsstrategien, die die finanzielle Situation Berlins, die wirtschaftlichen
Perspektiven, die sozialen, ökologischen und kulturellen Entwicklungspfade
gleichermaßen berücksichtigen und ressortübergreifend erdacht und erarbeitet
werden. Es geht um unterschiedliche Lebensentwürfe, für die in unserer Stadt Platz
ist und auch zukünftig Platz sein muss, um die Gleichberechtigung der Geschlechter
und unterschiedlicher Familienvorstellungen. Wie ist das zu bewerkstelligen? Es geht
um die Rolle, die die öffentlichen Unternehmen der Stadt – von den
Wohnungsbaugesellschaften über die Ver- und Entsorgungsdienstleister bis hin zu
den Krankenhäusern – bei der Gestaltung sozialer Stadtpolitik und der Sicherung
des sozialen Zusammenhalts spielen sollen. Welche Bereiche sind fundamental für
die soziale Metropole, welche sind es eher nicht? Wo müssen wir dringend den
Anschluss bei den Beschäftigten über die Generationen hinweg sichern? Wie gelingt
es, die Potenziale der Stadt hier in Berlin zu halten?
Alle, die sich für die soziale Metropole Berlin einsetzen – die öffentlichen
Unternehmen, die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes, die Berliner
Gewerkschaften, die Interessenvertretungen der Wirtschaft in der Stadt, aber auch
die freien Träger der sozialen Arbeit, die stadtpolitischen Initiativen, die Bezirke und
Ihre Akteurinnen und Akteure – sind Kooperations- und Diskussionspartner für die
Entwicklung solcher Strategien.
Liebe Genossinnen und Genossen,
was es heißt, in einer umkämpften Stadt zu leben, können wir dieser Tage
eindrucksvoll erleben. Was morgen beim Volksentscheid zur Abstimmung steht, ist
daher auch mehr als nur die Frage, ob man ein paar Geschäftsfliegern und kleinen
Fluggesellschaften ihre innerstädtische Landebahn gönnt oder nicht. Es geht dabei
vielmehr um die Frage, ob die Stadt eine so riesige Fläche wie das Tempelhofer Feld
privaten Interessen zur Verfügungen stellt oder sie für möglichst breite Kreise der
Bevölkerung nutzbar macht. Und es geht um die Frage, ob sich das Bedürfnis
Hunderttausender Menschen in Tempelhof, Neukölln, Reinickendorf und Pankow
nach weniger Lärm und besserer Luft, dem Bedürfnis einiger Weniger unterzuordnen
hat, eine Viertelstunde schneller in der Innenstadt zu sein. Ich habe ja durchaus
Verständnis dafür, dass das Herz vieler Menschen im Westteil unserer Stadt an
diesem Flughafen hängt. Ob aber das Bedürfnis nach Erinnerung notwendiger Weise
damit verbunden sein muss, dass dort Flugzeuge starten und landen, und dafür
Tausende Menschen mit dem Risiko leben müssen, dass ihnen eines davon eines
Tages mal wieder in den Hinterhof kracht, das erlauben wir uns dann doch in Frage
zu stellen.
Die Auseinandersetzung über die Zukunft von Tempelhof ist daher ein Kampf
unterschiedlicher Interessen. Und es ist richtig: dieser Kampf wird weitergehen, wenn
der Flughafen geschlossen ist. Dann wird die Frage stehen, wessen Interessen sich
bei der Nachnutzung des Gebäudes und des Geländes durchsetzen werden und wie
verschiedene Nutzungsbedürfnisse in einen sinnvollen Ausgleich zueinander
gebracht werden können. DIE LINKE wird sich in diese Auseinandersetzung
einbringen und deshalb ist es gut, das wir heute einen Antrag vorliegen haben, der
den Blick bereits auf diese Frage richtet.
Doch davor gilt es zunächst beim morgigen Volksentscheid dafür zu sorgen, dass wir
diese Auseinandersetzung führen zu können. Deshalb rufe ich nochmals alle
Berlinerinnen und Berliner auf: Nehmen Sie am Volksentscheid teil und stimmen Sie
mit NEIN! Es ist nicht egal, ob dem dicken Geld und der geschichtsvergessenen
Berliner CDU diese Sache durchgeht. Gregor hat Recht mit seiner gestrigen Ansage
im Bundestag: „Was Pflüger macht, ist übel“. Pflüger weiß, dass ein CDU-geführter
Senat die Schließung Tempelhofs eingefädelt hat und dass der Entscheid rechtlich
nicht umsetzbar ist. Ja, das ist Betrug am Volk, nichts anderes.
Liebe Genossinnen und Genossen,
die Auseinandersetzung über die Zukunft von Tempelhof zeigt hier noch etwas
anderes. Der Kampf um die Deutungshoheit, um die Hegemonie im Diskurs über die
zukünftige Entwicklung unserer Stadt, hat an Schärfe zugenommen. In ihm spiegeln
sich nicht nur die beschriebenen ökonomischen Interessen Einiger, sondern zugleich
das politische Interesse alter wie auch neuer Eliten in und außerhalb der Stadt, die
rot-rote Koalition möglichst bald aus dem Weg zu räumen. Einerseits aus konkreten
stadtpolitischen Interessen und andererseits aus bundespolitischen Erwägungen.
Sonst hätte sich z.B. die Chefin der gleichen Bundesregierung, die im Bundestag die
Schließung des Airports für zwingend und erklärt, nicht zu Wort gemeldet und ihrem
früheren Rüstungsstaatssekretär den Rücken gestärkt.
Das hängt natürlich auch mit den eingangs beschriebenen Veränderungen in unserer
Politik zusammen. In dem Maße, wie wir uns für bestimmte Regulationen des
Wettbewerbs und seiner Begrenzung einsetzen, geraten wir auch mit den
kurzfristigen Interessen von Unternehmen in dieser Stadt aneinander. Und dabei wird
auch deutlich, dass das Kapitalverwertungsinteresse nur einen sehr beschränkten
Horizont besitzt. Denn eigentlich sollten selbst Berliner Wirtschaftsvertreter eins und
eins zusammenzählen können. Ein permanenter Dumpingwettbewerb ruiniert auf
längere Sicht das Gesellschafts- und das Wirtschaftssystem insgesamt und damit
schließlich auch sie. Auf dieser schiefen Ebene gibt es nämlich kein Halten mehr.
Dennoch überrascht es uns nicht, dass sich die IHK in Berlin gegen unseren ÖBS
ausspricht und sich gegen Mindestlöhne und erst recht gegen ein Vergabegesetz zur
Wehr setzt, dass Mindestlöhne und Tarifverträge zum Kriterium bei öffentlichen
Ausschreibungen erklärt. Überraschender ist es dagegen schon, dass die IHK uns
auffordert, das größte Infrastrukturprojekt der Region zu gefährden, dessen
Bedeutung und Notwendigkeit sie ansonsten nie genug betonen konnte. Allein das
zeigt, dass es hier um wesentlich mehr geht als um rein wirtschaftspolitische
Interessenvertretung.
Nicht gänzlich unerwartet ist auch der Widerstand, der uns auf der Bundesebene bei
der Umsetzung unserer Vorstellungen von einem öffentlich geförderten
Beschäftigungssektor begegnet. Denn natürlich ist da das Interesse an einer
funktionierenden Alternative zu Hartz IV und Ein-Euro-Jobs begrenzt. Ich kann mich
aber auch hier nur wiederholen: auf Dauer führt kein Weg an Alternativen vorbei,
denn Hartz IV verfestigt die soziale Spaltung der Gesellschaft zum Schaden aller.
Aber auch bei Themen, die nicht unmittelbar ökonomische Interessen berühren,
bekommen wir stärkeren Gegenwind – insbesondere da, wo es originär um unsere
Projekte geht. Daher ist es auch nicht überraschend, wenn immer wieder – scheinbar
sachlich neutral – Einwände gegen unser Projekt einer Gemeinschaftsschule
erhoben werden, wie jüngst bspw. durch Professor Lehmann von der Humboldt-Uni.
Oder demnächst, wenn die Kirchen ihr Volksbegehren für ein Wahlpflichtfach
Religion starten werden. Und – auch das soll nicht unerwähnt bleiben – wir haben es
nach wie vor mit einem hartnäckigen Widerstand seitens der Polizei bei der
Einführung der individuellen Kennzeichnungspflicht zu tun.
Die Auseinandersetzung um rot-rot wird aber mittlerweile nicht mehr nur auf der
städtischen Bühne ausgetragen, sie verlagert sich zunehmend auch ins
Nationaltheater. Mit der Etablierung der LINKEN im bundesdeutschen
Parteiengefüge geraten die altbekannten Mehrheitsverhältnisse und die klassische
Koalitionsarithmetik durcheinander. Und weil die rot-rote Koalition all jenen ein Dorn
im Auge ist, die DIE LINKE unter politische Quarantäne stellen wollen, werden sie
uns auch in Zukunft Knüppel zwischen die Beine werfen.
Um so mehr als immer deutlicher wird, dass auch die Berliner SPD sich in der
Kooperation mit uns in relevanten Punkten nach links bewegt hat. Die
Mindestlohninitiative im Bundesrat, die Änderung des Vergabegesetzes, beitragsfreie
Kitaplätze, klare Positionen im Kampf gegen Rechtsextremismus – all das sind
Positionen, mit denen sich unser Koalitionspartner in der Bundes-SPD klar links
positioniert. Und es ist kein Zufall oder auch nur einer zwischenmenschlichen
Abneigung zwischen Thilo Sarrazin und Hartmut Mehdorn geschuldet, dass Klaus
Wowereit in der Frage der Bahnprivatisierung eine klare Kritik auch an dem jetzt
ausgehandelten Beck-Kompromiss erkennen lässt. Berlin positioniert sich also ganz
klar links vom bundesdeutschen Mainstream. Das geschieht mit voller Absicht und
ruft Phantasien vom Untergang des Abendlandes auf den Plan.
In dem Maße, wie die Aussicht wächst, dass das Berliner Beispiel auch in anderen
Bundesländern politisch Schule machen könnte, werden wir stärkeren Angriffen
ausgesetzt sein werden. Auch von jenen in der SPD, die eine Abkehr von der Politik
Schröders ablehnen.
Liebe Genossinnen und Genossen,
all das macht doch aber nur deutlich, was wir schon immer prognostiziert haben.
Was wir in Berlin oder bundesweit anstreben: Nichts davon wird uns einfach
geschenkt werden! Wir können es auch nicht einfach anordnen, nur weil wir an der
Regierung beteiligt sind. Um all das gilt es einen Kampf zu führen und zwar nicht in
erster Linie in der Koalition und im Parlament, sondern in der Gesellschaft und ihren
Institutionen. Und diesen Kampf können weder die Senatorinnen, noch die Fraktion,
noch der Landesvorstand allein führen, den müssen wir gemeinsam führen.
Liebe Genossinnen und Genossen,
lasst uns diesen Kampf aufnehmen: entschlossen und engagiert, aktiv und
gesellschaftsgerichtet, mit dem Blick in die Zukunft und auch ein wenig Feuer. Wer
andere für diesen Kampf gewinnen will, muss das auch ausstrahlen. Unsere
Plattform für den Kampf ist nicht unsere Landesorganisation, es ist unsere
Stadtgesellschaft! Dieser Parteitag ist ein weiterer Schritt, hierfür Ideen zu gewinnen,
Konzepte zu generieren und dann müssen wir los, um für ihre Umsetzung
einzutreten. Wir haben es in der Hand und wir sind alle gefragt. Nicht uns selbst
müssen wir überzeugen, sondern die Berlinerinnen und Berliner, unsere
Verbündeten in der stadtpolitischen Auseinandersetzung. Dafür arbeiten wir
zusammen, dafür werden wir gewählt, dafür haben wir ein Programm und dafür
tragen wir hier in Berlin einen Teil der Verantwortung. Lasst uns an die Arbeit gehen!
Ich wünsche uns einen erfolgreichen Parteitag!
Ich danke Euch für Eure Aufmerksamkeit.