Forum demokratischer Sozialismus
29.05.2008

Braunrote „Freiwirtschaft“

Heiko Langner und Uwe Hiksch

Angesichts der weltweiten Hegemonie des neoliberalen Turbokapitalismus und des weitgehenden Fehlens einer konkreten Gegenutopie findet so mancher Vorschlag aus der historischen Mottenkiste wieder neue Abnehmer. Ein solcher Fall ist das Comeback der obskuren „Freiwirtschaftstheorie“ von Silvio Gesell. Dahinter verbirgt sich eine wenig erfreuliche Mischung aus ungehemmtem Marktradikalismus und völkischer Sozialromantik mit dem Ziel, die vom modernen Kapitalismus entwurzelte Menschheit sowohl geistig-sittlich wie auch physisch regenerieren zu wollen. Also eine echte Heilslehre, über die eigentlich nicht geschrieben werden müsste, hätten inzwischen nicht auch einige Linke daran Gefallen gefunden.

Sicher muss die neue Linke, wenn sie sich selbst als demokratisch und pluralistisch begreift, offen für Anregungen für außen sein. Dennoch sollte der Blick geschärft bleiben, ob die neuen Ideen auch zu dem alten und richtigen Ziel einer gerechteren Gesellschaft passen. Im Fall der Freiwirtschaft lohnt sich ein genaueres Hinsehen.

Erfolgreiche Parteineugründungen wie die der LINKEN besitzen wegen ihrer Ressourcen- und Prestigegewinne eine enorme Anziehungskraft für manche kleine Splittergruppen wie die Freiwirtschaftsbewegung. Die Chancen steigen, wenn wie im Fall der LINKEN ein nahezu bedingungsloses pluralistisches Selbstverständnis besteht, das eine ungehemmte Dialogbereitschaft gegenüber (fast) allen Gruppen hervorruft. Das Resultat bildete vor einiger Zeit eine monatelange Debatte in der Zeitung des sächsischen Landesverbandes der LINKEN, bei der prominente Freiwirte ihre „Ideen“ unter das linke Parteivolk streuen durften.

Anders als Sozialist(inn)en und Kommunist(inn)en geht es den Freiwirtschaftlern allerdings nicht um die Beseitigung derjenigen Verhältnisse, in denen der Mensch ein verlassenes, geknechtetes Wesen ist, sondern um eine (hypothetisch) vom Kapitalismus befreite Marktwirtschaft. Ihr Feinbild ist der Zins, der als eigentliche Ursache für kapitalistischen Wachstumsfetisch und soziale Polarisierung gilt. Kapitalisten sind allerdings aus Sicht der Gesellianer nicht etwa die Unternehmer, sondern einzig die Zinskassierer, die Rentiers. Aus diesem Grund werden Methoden ers(p)onnen, um Zinsen als Ausdruck eines zirkulierenden Kapitalüberschusses nicht zuzulassen. Zu diesem Zweck soll ein umlaufgesichertes Geld (Schwund- oder Freigeld) eingeführt werden, das im Jahresverlauf fünf bis sechs Prozent seines Wertes einbüsst, damit der monetäre Kapitalüberschuss in gebührenfreie, produktive Anlageformen fließt. Der Topos ist bekannt und erfreut(e) sich in rechten Kreisen stets großer Beliebtheit. Die Trennung von schaffendem und raffendem Kapital bildete nicht zufälligerweise den zentralen Dreh- und Angelpunkt in der Wirtschaftsprogrammatik des sozialrevolutionären Flügels der NSDAP. Eigentliches Ziel dieser verkürzten Kapitalismuskritik war eine ökonomische Rechtfertigung für die Beseitigung jüdischen Eigentums. Die Abschaffung kapitalistischer Lohnarbeit bildete hingegen nie ein anzustrebendes Ziel der braunroten Gesinnungskameraden. Sozialrevolutionäre Nazis und Freiwirtschaftler kooperierten auch praktisch sehr eng, da nach der nationalsozialistischen Machtübernahme die bis dato bestehenden, unabhängigen Freiwirtschaftsvereine in die NSDAP integriert wurden. Sie bildeten kurzzeitig eine eigene parteiinterne Körperschaft, den „Roland-Bund“, dessen Existenzgrundlage jedoch im Zuge der Entmachtung Röhms und des sozialrevolutionären Flügels entfiel.

An echter Kapitalismuskritik hatten die selbsternannten Geldreformer noch nie Interesse. Vielmehr soll die kapitalistische Produktionsweise trotz ihrer kolossalen Ungerechtigkeit infolge ausbeuterischen Charakters von jeglichen, störenden Eingriffen des Staates befreit werden. Unter Beibehaltung der herrschenden Produktionsweise wird es jedoch kein nichtkapitalistisches Geld geben können. Es sind schlichtweg die Produktionsmethoden einer kapitalistischen Marktwirtschaft, die zur Entstehung eines Zinses führen, der nichts anderes als ein zukünftiges Gewinnversprechen aus der privaten Aneignung von gesellschaftlich erzeugtem Mehrwert darstellt. Das Leitbild der Freiwirtschaftler ist folglich nicht ein von kapitalistischen Verwertungszwängen befreites, autonomes Individuum, sondern ein sich selbst vermarktender Mensch, der im Zuge seines ökonomischen Überlebenskampfes zusätzlich die Weitergabe seiner besten Eigenschaften mittels Auswahl „gesunder“ Partner sichern soll. Dieses ideologische Gebräu eines neoliberalen Sozialdarwinismus wurde seinerzeit von Gesell pseudoemanzipatorisch verpackt, indem er die Einführung von Mutterschaftsrenten gestaffelt nach der Anzahl der Kinder empfahl. Was auf den ersten Blick wie eine Anerkennung der Erziehungsleistungen von Frauen klingt, entpuppt sich in Wahrheit als materieller Anreiz, um Frauen von der Teilnahme am Erwerbsleben abzuhalten. Es sollte eben alles beim Alten bleiben und das überkommene Gesellschaftsmodell mit seiner strikten Geschlechterrollentrennung konserviert werden. Nicht die Aufhebung der Klassenschranken bildet das Ziel, sondern die große Klassenversöhnung – freilich erst nach Ausschaltung des Zinses, versteht sich.

Dieses Festhalten an einer traditionellen, naturverbundenen Lebensweise macht das Freiwirtschaftskonzept heute bei sozialkonservativen Globalisierungskritikern sowie für esoterisch und lebensreformerisch angehauchte Teile der Ökobewegung attraktiv, jedoch auch für nationalkonservative Kreise. Da die erdverbundene (bodenständige) Lebensweise nicht autoritär vom Staat aufoktroyiert, sondern ganz „natürlich von unten“ gelebt werden soll, findet Gesells Konzept auch vermehrt Zuspruch in der jüngsten Entwicklungsströmung der politisch radikalen Rechten, dem nationalanarchistischen und rechtsautonomen Spektrum. Die Übergänge zwischen der „Braunzone“ aus radikalisiertem Kleinbürgertum, Nationalkonservativen und Neofaschisten waren hingegen seit jeher fließend. Heutige, prominente Freiwirtvertreter stammen oftmals aus der zwischenzeitlich aufgelösten, rechtslastigen „Freisozialen Union“ (FSU). Berührungspunkte zum äußersten rechten Rand gab es reichlich – beispielsweise in Gestalt von Vorträgen vor dem erst kürzlich vom Bundesinnenministerium verbotenen „Collegium Humanum“. Zum Vordringen in linke, grüne und sozialliberale Kreise war deshalb beizeiten eine Umetikettierung erforderlich – Freiwirtschaft nennt sich nunmehr meist „Humanwirtschaft“ oder gar „Fairconomy“.

Im Fall der Annäherung an das linke Spektrum gilt es zunächst die leicht belegbare Tatsache zu entkräften, dass Ideologievater Silvio Gesell Zeit seines Lebens bekennender Antimarxist und Antikommunist war und gegen das Streikrecht von Gewerkschaften wetterte. Neben einer formalen Distanzierung vom Antimarxismus Gesells unternehmen die gewendeten „Humanwirtschaftler“ häufig den Versuch, den vor allem in Gewerkschaftskreisen und linken Parteien recht beliebten „Keynesianismus“ für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Keynes bezog sich zwar positiv auf Gesells Gedanken einer investiven Kapitalverwendung, er verwarf jedoch sein inhaltliches Konzept vollends und erst recht den beschriebenen gesellschaftlichen Kontext, in dem es stehen sollte. Keynes entschied sich gegen die starre Geldumlaufsicherung und befürwortete stattdessen eine staatlich intendierte, flexible Zins- und Geldmengenpolitik, die den differenzierten (und zuweilen divergierenden) Steuerungserfordernissen einer voll entfalteten, kapitalistischen Produktionsweise weitaus besser entsprach. Ihm ging es in erster Linie um eine Eindämmung der antisozialen Auswüchse des Kapitalismus, die das marktradikale Freiwirtschaftskonzept mit seiner sozialbiologischen Auslese stattdessen noch potenziert hätte. Die praktische Unbrauchbarkeit der Freiwirtschaftslehre, die stets für sich in Anspruch nahm, eine über den Kapitalismus hinauszielende Wirtschaftstheorie zu sein, hinderte die verbliebenen Anhänger nicht, fortwährend die Nähe zu linken Parteien zu suchen. Zinskritik ist in linken Parteien allgemein en vogue und zusammen mit einer grundlegenden strukturellen Umwälzung der kapitalistischen Produktionsweise auch nicht weiter anrüchig. Und da letztlich jede evolutionäre Systemtransformation auf ihrem untersten Level mit kapitalismusimmanenten, sozialen Reformschritten startet, gelingt es Freiwirten von Zeit zu Zeit, mit ihren im Kern emanzipationsfeindlichen und wirtschaftlich unsinnigen Positionen in linke oder ökologiesensible Parteien vorzudringen oder deren Gehör zu finden. Beispielsweise existiert schon seit der Gründung der Grünen parteiintern ein sogenannter „liberalsozialer“ Arbeitskreis, der sich ausschließlich damit beschäftigt(e), die Grünen programmatisch auf eine vom Zins „befreite“ Marktwirtschaft à la Gesell zu trimmen.

Im Fall der LINKEN in Sachsen konnte größerer Schaden vorerst abgewendet werden. Ihr Dialog mit Freiwirten löste in Antifakreisen prompt offenen Widerspruch aus. Dabei war auf Seiten der LINKEN für die Diskussionsaufnahme von Anbeginn wohl weniger Sympathie für das inhaltliche Konzept ausschlaggebend, sondern vielmehr ihre unhinterfragte politische Offenheit gegenüber einer clever agierenden Gruppierung, die moderat auftrat und ihre eigentlichen Ziele mit links klingenden Sprechblasen kaschierte. Jeglicher antifaschistischen Aufklärungs- und Bildungsarbeit wird jedoch der Boden entzogen, wenn eine Partei mit sozialistischem Anspruch braunrote Freiwirtschaftler zu sich ins Haus einlädt. Hieraus erwächst die Gefahr, dass sich als nächstes rechte Sozialanthroposophen und noch stärker „Braungebrannte“ ermutigt sehen, ihre Fühler nach der LINKEN auszustrecken. Dies könnte nicht nur den von einigen Medien wiederholt vorgetragenen Vorwürfen der „Querfrontbildung“ neue Nahrung geben, sondern am Ende deren reale Entstehung tatsächlich begünstigen. Darauf wird nicht zuletzt in der anstehenden Programmdebatte besonders zu achten sein.




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