Bodo Ramelow
In Thüringen stehen zurzeit täglich hunderte Menschen – darunter viele
Mitglieder der LINKEN – auf Marktplätzen und sammeln Unterschriften für
das Volksbegehren „Mehr Demokratie in den Thüringer Kommunen“. Sie sind
sich darin einig, dass die Mitbestimmung und Beteiligung der Bürgerinnen
und Bürger an politischen Prozessen in den Städten und Gemeinden dringend
verbessert werden muss.
Demokratie wird zu einem Schlüssel für die Kooperation und gemeinsame
Aktionen mit vielen Thüringer Verbänden, Organisationen und Parteien.
Direkte Demokratie wird so auch zu einem Markenzeichen unserer Arbeit.
Wirkliche Demokratie muss aber die Gestaltungsmöglichkeiten der Menschen,
die Einfluss- und Eingriffsmöglichkeiten der Bürger an die erste Stelle
setzen. Parlamentarismus ist das Standbein und Volksentscheide sind das
Spielbein der Demokratie. Emanzipation und Partizipation müssen durch uns
als linke Kräfte als treibendes gesellschaftsveränderndes Element
verbunden werden.
Dieses Volksbegehren bietet allerdings auch die Chance, sich mit Problemen
und Meinungen der Bürger auseinanderzusetzen oder diese nur einfach
aufzunehmen. Das ist für linke Politik wichtig, gerade auch im Vorfeld der
Landtagswahl 2009. Wir sollten wissen, was die Menschen bewegt, was sie
von uns erwarten und welche Veränderungen sie wünschen.
Was können Linke in Thüringen aber letztlich bewirken? In Thüringen
erwarten viele von der LINKEN Antworten und neue Wege aus der
Konzeptionslosigkeit der CDU-Regierung. Dabei war die Breite und Herkunft
der Kritiker noch nie so groß wie in der Gegenwart. Sie reicht im
öffentlichen Dienst von Kindererzieherinnen über Staatsanwälte und
Polizisten bis hinein in die Regierungsbehörden.
Der Rücktritt des Innenministers Gasser und der Umgang mit der sogenannten
Polizeireform innerhalb der Union zeigen, wie groß das Chaos ist! In der
Wirtschaft sind wir begehrter Gesprächspartner bei den Kammern, den
Innungen, bei Gewerkschaften.
Aber es reicht nicht aus, dagegen zu sein, zu meckern, zu kritisieren oder
anzuprangern. Wenn wir eine Veränderung in Thüringen erreichen wollen,
benötigen wir Gesprächspartner und Unterstützer weit über unsere
Parteigrenzen hinaus. Dafür brauchen wir Fantasie, aber keine
Fantastereien. Fantasie, wenn es darum geht, Schule zukunftsfähig zu
gestalten, öffentliche Verwaltungen bürgernah und effizient zu machen und
Fantasie, wenn es um regionale Wirtschafts- und Energiekreisläufe geht.
Thüringen ist ein kleines Flächenland, aber gerade das macht es möglich,
über zukunftsweisende Ansätze zu reden und handlungsorientierte Leitbilder
vorzustellen.
Wir können Thüringen zum Land mit der modernsten Bildung machen –
gemeinsam mit Lehrern, Kindern und Eltern. Bildung gerät zunehmend zum
Spielball der Landespolitik, was zur Verunsicherung aller Beteiligten
führt. Wir wollen die frühe Selektion der Kinder überwinden,
das vielgliedrige Schulsystem abschaffen und längeres gemeinsames Lernen
bis zur Klasse 8 ermöglichen. Unterstützt werden unsere Forderungen durch
den gerade erst vorgestellten OECD- Befund. Damit dies aber nicht je nach
Regierungsmehrheit wieder verändert wird und Lehrerinnen sowie Schüler zu
Versuchskaninchen werden, sollten die Thüringerinnen und Thüringer per
Volksentscheid über eine Bildungsreform darüber befinden. Dann weiß jeder,
egal ob Regierung oder Opposition, woran sie sind. Das verstehen wir unter
längerem gemeinsamen Lernen, unter integrieren statt selektieren!
Wir können Thüringen zum Land mit der modernsten Verwaltung machen –
bürgernah und an den Interessen der Menschen vor Ort orientiert. Es gibt
erste Ansätze, wo der Bürgerservice der Verwaltung zwischen 8 und 20.00
Uhr angebotsorientiert präsent ist und selbst am Samstag Bürgerinnen und
Bürger die Möglichkeit haben, sich mit persönlichen Angelegenheiten an die
Verwaltung zu wenden. Politik und Wirtschaft sprechen gern von
Flexibilität, wenn es um Arbeitsplätze und deren Abbau geht. Häufig
umschreibt man damit allerdings Gewinnsteigerung für Einzelne. Warum
sollte man aber nicht den Gewinn der Bürger gemeinsam mit der Verwaltung
steigern?
Hier sollte unser Ansatz sein, um gemeinsam mit den Beschäftigten in den
Verwaltungen neue Wege zu gehen. Es geht dabei nicht um den Abbau der
Arbeitsplätze, sondern um deren sinnvollen und bürgerfreundlichen Einsatz.
Dafür bedarf es keiner gesetzlichen Veränderungen im Land.
Das verstehen wir unter bürgernah statt bürokratisch!
Wir können Thüringen zum Land mit modernsten Energieformen machen. Die
Privathaushalte und Unternehmen stehen zunehmend unter der Preistreiberei
der Energiekonzerne. Dies kann durch die Vergesellschaftung der Stromnetze
und die Entflechtung der Energieunternehmen aufgebrochen werden. Das wäre
der Einstieg über einen Masterplan zur Energiewende und würde den Weg zur
regionalen und ökologisch sinnvollen Energiegewinnung öffnen. Dazu bedarf
es keiner 380 KV-Leitung durch den Thüringer Wald. Wir brauchen eine
Energieagentur als Teil des Masterplanes, um die Ressourcen der Thüringer
Energieunternehmen zu fördern, zu vernetzen und optimal zu nutzen.
Stadtwerke, private Produzenten, Bürgerkraftwerke, landwirtschaftliche
Betriebe unter voller Nutzung von Biogas, Biowärme genauso wie Sonnen-,
Wasser- oder Windenergie wären die Träger und Treiber der Entwicklung. Mit
einer vor allem regionalen Energiegewinnung, die sich direkt am Verbrauch
orientiert, einer Strategie zur Energieeinsparung und der Erhöhung des
Wirkungsgrades könnte sich Thüringen endlich von den Konzernen lösen und
ganz nebenbei würden zusätzliche Arbeitsplätze entstehen. Das verstehen
wir unter regional statt global!
Das sind nur einige ganz konkrete Themen, wo DIE LINKE in Thüringen
Politik anders gestalten kann, ohne dafür eine Gelddruckmaschine in Gang
setzen zu müssen. Dazu bedarf es lediglich einer alternativen
Herangehensweise mit der Landespolitik an den Landeshaushalt, der
Aktivierung der Bürgerschaft, der Mitarbeiter der Verwaltungen sowie der
Demokratisierung vorhandener Strukturen.
Mitdenken und Handeln statt weiter so! Alternativen sind machbar und ein
Gewinn für alle!