In den gängigen politischen Diskursen werden die Kategorien
»Gesellschaft« und »Staat« bzw. »Markt« und
»Staat« gern als Gegensatz verstanden. Danach seien
die Linken für »mehr Staat«, während die politische
Rechte den Staat gern auf seine »Kernaufgaben« zurückführen
will. Dies bedeutet im Nationalstaatsmaß:
Ausbau der Repression, Rückbau sozialer Gewährleistungen.
Neoliberal begründete politische Strategien
wittern in staatlicher Regulierung von ökonomischen
Prozessen gar den »Weg zur Knechtschaft« (von Hayek).
Sie suggerieren, dass »der Markt« ein neben den
sonstigen Sozialbeziehungen liegender Mechanismus
eigener Art wäre, dessen Funktionieren von seiner Ungestörtheit
abhänge. Von klassischer sozialdemokratischer
Perspektive aus wird demgegenüber die Notwendigkeit
staatlichen »Gegensteuerns« betont.
Diese platte Sichtweise führt für Sozialistinnen und Sozialisten
in die Irre. Der Staat ist nicht Verwirklichung
der sittlichen Idee, nicht das statische Gegengewicht
zu den ökonomischen Reproduktionsprozessen. In
Marxscher Tradition können wir den Staat genauso
als ein soziales Verhältnis begreifen wie das Kapital.
Beide sind komplexe und miteinander verbundene soziale
Herrschaftsbeziehungen. Ohne Regulation wäre
unsere Gesellschaft längst am Ende. Regulation fi ndet
auch im Postfordismus statt. Nur, in wessen Interesse
wird was reguliert?
»Staat« meint immer: Staat als Bestandteil kapitalistischer
Gesellschaftsreproduktion. Der Staat ist widersprüchlicher
Teil der Dominanz des Kapitalverhältnisses,
Kristallisation bestehender Kräfteverhältnisse.
Er kann nur bestehen, wenn ihm die Sicherung der
gesellschaftlichen Reproduktion unter Einschluss der
Kapitalreproduktion gelingt. Innerhalb der gegenwärtigen
kapitaldominierten Herrschaftsbeziehungen
gibt es eine Reihe von Dynamiken, die zum Teil auch
Ausdruck von progressiven Gegenmächten und »konservativen
« Beharrungskräften zur Bewahrung des
Status quo sind. Was sich am Ende jeweils durchsetzt,
ist nicht determiniert. Es hängt von verschiedenen
Faktoren ab, unter anderem von der Festigkeit der bestehenden
Hegemonien und möglichen hegemoniefähigen
Alternativen. Das ist eine alles andere als einfache
Übung. Anders formuliert: ob ein »Pfadwechsel«
glückt, mit dem sich die Kapitaldominanz überwinden
lässt, ist völlig offen.
Im Gramscischen Sinne können wir zum erweiterten
Staat auch all diejenigen Strukturen und Organisationen
der »Zivilgesellschaft« betrachten, die im Gegenwartsdiskurs
so gern als sein Gegenpol hervorgehoben
werden. Denn hier ist ein wichtiger Ort der Hegemoniesicherung.
Wir müssen also auch diskutieren, was
Linke meinen, wenn sie »Staat« sagen.
Sich als Sozialistin oder Sozialist »vom Staat« jegliche
Heilung zu versprechen, etwa die Überwindung
der Kapitaldominanz in den gesellschaftlichen Beziehungen,
ist meines Erachtens fromm. Wichtig ist,
um die Erhaltung und Weiterentwicklung derjenigen
Staatsfunktionen zu kämpfen, die den Zusammenhalt
der Gesellschaft, die demokratische Beeinfl ussung
von Prozessen und die Sicherung sozialer Mindeststandards
zum Gegenstand haben: Öffentliche Infrastrukturen
und sozialer Schutz sind fundamental für
demokratische Gesellschaftsentwicklung. Hier bleibt
der Staat ein wichtiges Auseinandersetzungsfeld.
Wir dürfen dabei aber nicht vergessen, dass soziale
und demokratische Emanzipation nicht Abhängigkeit
von institutionellen Almosen ist. Ziel linker Politik
muss immer die Selbstbestimmung des sozialen Individuums
bleiben. Das bedeutet auch: Selbstbestimmung
als Selbstverantwortung in Gesellschaft, frei
von staatlicher Obrigkeit.