Achim Bittrich, Ralf Christoffers, Thomas Falkner, Katja Haese, Kerstin Kaiser, Angelika Klein, Lutz Kupitz, Kurt Libera, Helmuth Markov, Mathis Oberhof
Manchmal sind es die scheinbar kleinen Texte, die ein Fass zum
Überlaufen bringen. Und manchmal verbergen sich in solchen Texten auch
große Provokationen. Eine solche Provokation hat Oskar Lafontaine
unserer Partei mit seinem als
Rezension präsentierten Kurzaufsatz zum Thema DIE LINKE und ihr Verhältnis zum Stalinismus als System aufgebürdet.
Eigentlich
wollten wir uns auf die Kraft der programmatischen Debatte verlassen
und die für den Programmentwurf gefundenen Kompromisse produktiv machen -
sie nicht gegeneinander wenden.
Doch wir alle stehen für
Offenheit und Glaubwürdigkeit in der Politik. - und deswegen sagen wir
in aller Offenheit: die in Oskar Lafontaines Text vertretene Position
zum Stalinismus als System wie zum Umgang der LINKEN und ihrer
Quellpartei PDS damit sind aus unserer Sicht mit einer demokratischen
Linken nicht vereinbar. In der Entwicklung unserer gemeinsamen Partei
bis zu Oskar Lafontaines Vorsitz, unter seinem Vorsitz und danach hat es
viele Konflikte in grundlegenden Dingen gegeben. Konflikte können
produktiv sein und uns voranbringen, in dieser Frage nun trennen uns
Welten.
Wir finden, Umkehr ist geboten - nicht aus wahltaktischen, sondern aus grundsätzlichen Erwägungen.
Erstens
hat es für uns rein gar nichts mit intellektueller Redlichkeit zu tun,
Strukturelemente einer geschlossenen Gesellschaft, der "Diktatur des
Proletariats" samt "führender Rolle der marxistisch-leninistischen
Partei" und einer planwirtschaftlich geführten Staatsökonomie, formal
auf eine parlamentarische Demokratie und eine fest in die Weltökonomie
integrierte Marktwirtschaft, auf eine wettbewerbsorientierte offene
Gesellschaft zu übertragen. Der Zweck erscheint uns durchsichtig: Die
heutige Realität wird durch die Gleichsetzung mit dem Vergangenen
diskreditiert, wer im Heute - verglichen mit dem Vergangenen -
historischen Fortschritt erkennt, soll ideologisch abgekanzelt werden.
Hier offenbart sich ein rein taktischer, agitatorischer Zugang zu einem
Kernproblem des 20. Jahrhunderts und der Geschichte der linken Bewegung
und damit ein fehlendes hinreichendes historisches Verständnis.
Zweitens
ist für uns unübersehbar, dass mit dem Text wenige Tage nach Vorlage
des Programmentwurfs an einer zentralen Stelle der Richtungskampf wieder
aufgemacht wurde. Wir lesen erneut eine harte Polemik gegen die
sogenannten Reformer und vor allem gegen die Grundsubstanz dessen, was
die PDS unter ihrer Führung aus der DDR und dem Scheitern des
Realsozialismus gelernt hatte. Genau das wird nun als überflüssig unter
den heutigen Bedingungen und bestenfalls zeitgeschichtlich zeitweilig
von Belang dargestellt. Damit wird für uns nicht nur die Leistung all
derer diskreditiert, die den sehr schmerzhaften Weg gegangen sind, die
Geschichte unserer Partei anzunehmen, die historische Fehlentwicklung
konsequent zu überwinden. Nein, wir finden das ist
Geschichtsrevisionismus.
Dass dies alles - drittens - unter
Missbrauch von Namen, Autorität und Lebensleistung von Michael Schumann
geschieht, empfinden wir schlichtweg als infam - zumal sich der vor mehr
als zehn Jahren tödlich verunglückte programmatische und strategische
Kopf der PDS, einer der brandenburgischen Verfassungsväter, nicht mehr
selbst dagegen wehren kann. Schumann aber stand auch nie allein für das
viel zitierte Grundsatzreferat vom Dezember 1989. Es war von einer
politisch und wissenschaftlich hochkarätig besetzten Gruppe erarbeitet
und erstritten und auch danach in Geist und Buchstaben hoch gehalten und
verteidigt worden; es hatte für eine ganze Partei das Tor zur
demokratischen Erneuerung des Sozialismus aufgestoßen.
Der Geist
der demokratisch-sozialistischen Basisbewegung und der friedlichen
Revolution von 1989 ist in unserer Partei nicht tot und nicht tot zu
kriegen. Er lebt in jenen, die mit Michael Schumann 1989 in die Politik
gegangen sind, die nicht aufgegeben haben und um die Gestaltung einer
demokratischen Linken im vereinten Deutschland gerungen haben - genauso
wie unter jenen, die als Jüngere aus Ost und West später den Weg in
diese werdende demokratische, moderne Linke gefunden haben.
Dass
"Michael Schumanns Definition des »Stalinismus als System« zeigt, dass
die Selbstverpflichtung einer kleineren Partei, im parlamentarischen
Regierungssystem eine solche Gesellschaftsordnung nicht mehr
anzustreben, eher auf Verständnislosigkeit stoßen dürfte" – diese
Auffassung von Genossen Lafontaine finden wir in jeder Hinsicht falsch.
Eine linke Partei mit der Geschichte wie der unseren, die diese
Selbstverpflichtung nicht eingeht, die sie zu umgehen sucht - eine
solche Partei stößt nicht nur auf Verständnislosigkeit, sondern auf die
verdiente Ablehnung aller, vor allem der linken Demokraten.