01.12.2010
gender-blindness Eine feministische Kritik des Programmentwurfs der LINKEN
Caren Lay - veröffentlicht im Magazin >Prager FRÜHLING
Dass feministische Fragen im vorliegenden Programmentwurf der LINKEN zu
kurz kommen, ist ein kein Geheimnis. Das war auch der Programmkommission
bei der abschließenden Beratung klar. Der Ergänzungsbedarf wurde
deshalb auch im Begleitschreiben zum Programmentwurf festgestellt. Dies
zu ändern wird zu einer Nagelprobe, ob und inwieweit DIE LINKE ihrem
selbstgesetzten Anspruch, eine feministisch-sozialistische Partei zu
sein gerecht wird. Auf der Ebene konkreter Forderungen findet sich dabei
so manch Fortschrittliches im Programmentwurf: Die Abschaffung des
Ehegattensplittings, der Anspruch auf Gleichstellung aller Lebensweisen
sowie ein Gleichstellungsgesetz für die Privatwirtschaft und in Ansätzen
die Vierin- einem-Perspektive. Und im Anschnitt zur
Antidiskriminierungspolitik ist ein anti-normalisierender Ansatz
verankert. Soll heißen: Wir wenden uns gegen alle Versuche, eine
bestimmte Lebensweise als die „normale“ anzunehmen. Bei aller
berechtigten Kritik am Programmentwurf, er geht zumindest auf der Ebene
konkreter Forderungen eher über das hinaus, was gegenwärtig in der
LINKEN state of the art ist. Dennoch gilt: Der Programmentwurf genügt
einer feministischen Gesellschaftskritik und -perspektive nicht. Ob es
gelingt, einem feministischen Anspruch im Programm zu entsprechen, wird
sich im Wesentlichen an den folgenden Punkten entscheiden:
Analyse der gegenwärtigen Gesellschafts- und Geschlechterverhältnisse
Die nicht nur mangelhafte, sondern fehlende Analyse aktueller
Gesellschaftsund Geschlechterverhältnisse stellt dabei das größte
Problem dar. Im Analysekapitel kommt das Thema Patriarchatskritik und
-analyse so gut wie nicht vor. Das ist ein Rückfall noch hinter die
These vom Nebenwiderspruch. Offenbar fällt es in einer im Kern
antikapitalistischen Perspektive schwer, andere gesellschaftliche
Unterdrückungsverhältnisse und deren Eigenständigkeit anzuerkennen. Und
dass die Frauenbewegung die vielleicht erfolgreichste soziale Bewegung
des letzten Jahrhunderts war, kann nicht gewürdigt werden, denn es
verträgt sich nicht mit einem traurigen antikapitalistischen
Weltuntergangsszenario.
Patriarchat als eigenständiges Unterdrückungsverhältnis
Selbst dort, wo der Blick auf Geschlechterungleichheit gerichtet ist,
ist dieses im Sinne der sozialistischen Frauenbewegung ökonomisch
geprägt und verkürzt. Ein modernes linkes Programm müsste sich vielmehr
die im Grunde banale Erkenntnis der autonomen Frauen-bewegung zu eigen
machen, dass das Patriarchat älter ist als der Kapitalismus und die
Frage nach Herstellung von Geschlechtergleichheit sich nicht in der
sozialen Frage erschöpft. Kapitalistische Wirtschaftsweise, patriarchale
Verhältnisse, struktureller Rassismus und Heteronormativität sind
eigenständige Herrschaftsverhältnisse, die sich überlagern. Eine solche
Perspektive erfordert den Mut zu einem differenzierten Blick auf die
Verhältnisse. Zu Unrecht wird eine solche Perspektive von manchen als
ein Mangel an Radikalität verstanden.
Absage an Alleinernährermodell und Arbeitnehmerpatriarchat
Dass der Normvorstellung vom männlichen Alleinernährer im Entwurf eine
Absage erteilt wird, ist ein großer Fortschritt. Jetzt gilt es, den
gender-bias in den einzelnen Politikfeldern aufzudecken, also unsere
Vorschläge danach zu befragen, ob sie nur aus einer männlichen
Perspektive gedacht sind oder auch der Lebensrealität von Frauen gerecht
werden. Ein Beispiel ist die Rentenpolitik: Die angestrebte
„Erwerbstätigenversicherung“ (statt einer „BürgerInnenversicherung“ und
existenzsichernden Grundrente) ist strukturell vor dem Hintergrund des
männlichen Normalarbeitsverhältnisses gedacht und daher nicht geeignet,
Altersarmut von Frauen jenseits persönlicher Abhängigkeitsverhältnisse
zu verhindern.
Ein neuer Arbeitsbegriff
Im Programmentwurf heißt es symptomatisch für die
Erwerbsarbeitsfixierung: „Die Grundlage für die Entwicklung der
Produktivkräfte ist heute und auf absehbare Zeit die Erwerbsarbeit.“
Eine kritische Analyse der Reproduktionsverhältnisse? Fehlanzeige!
Insgesamt erweckt der Entwurf den Eindruck, dass ein Mehr an Frauen in
Lohnarbeit, gleicher Lohn für gleiche Arbeit im Großen und Ganzen alles
sind, was DIE LINKE zu diesem Thema anzubieten hat. Demgegenüber ginge
es darum, Arbeiten jenseits der Erwerbsarbeit überhaupt zu sehen,
Arbeitszeitverkürzung als Grundbedingung einer anderen
Geschlechterordnung jenseits tradierter Arbeitsteilung zu markieren und
Perspektiven jenseits der „Arbeitsgesellschaft“ zu entwickeln.
Emanzipationsperspektive
Auch in der Beschreibung der linken Zielperspektive „demokratischer
Sozialismus“ ist der Entwurf gender-blind. Hier rächt sich die mangelnde
Analyse: Wo kein Verständnis der gegenwärtigen Geschlechterverhältnisse
vorhanden ist, kann keine feministische Perspektive entwickelt werden.
Dabei muss eine linke Gesellschaftsalternative eine allgemeine
Emanzipationsperspektive für die Gesamtgesellschaft bieten.