Wir strebten nach den Thesen des Düsseldorfer Parteitages und vor allen Dingen nach dem Hamburger Parteitag die antimonopolistische Demokratie an und bezeichneten die Aktionseinheit der Arbeiterklasse, d.h. das Zusammengehen von Kommunisten und Sozialdemokraten als Kernstück unserer Politik.
Geboten durch das allseits anerkannte Organisationsprinzip des demokratischen Zentralismus gab es allerdings nur sehr wenig eine tatsächlich reale Debatte über den künftigen politischen Weg. Diese Debatte „trauten“ sich nur sehr wenige, sie wurden Ende der siebziger und zu Beginn der achtziger Jahre innerhalb der DKP die Erneuerer bzw. die Reformer genannt.
Die damals an der Fakultät V tätigen Dozenten und Professoren können sich sicher auch heute noch an unsere Intoleranz erinnern, an unsere Engstirnigkeit. Es war uns ein Fest, Oskar Negt eben nicht zuzuhören sondern seine Vorlesungen in der Wunstorfer Straße zu sprengen oder zu Stören durch das Verlesen von stundenlangen Aufrufen und Protokollen des MSB Spartakus Bundesvorstandes.
Wer damals als Kommunist neben der UZ auch noch der Meinung war, dass DIE NEUE oder aber die Taz durchaus lesenswert seien (und ich war dieser Meinung), wurde hart angegangen und bekam ein Kadergespräch. Das hört sich heute lustig an, war es aber nicht. Die so genannten Erneuerer formierten sich unter anderem um den Soziologen Thomas Neumann, den Theatermann Michael Ben, aber auch Wolfgang Gehrke, der damalige Vorsitzende der Bezirksorganisation Hamburg war mit dabei. In den folgenden Debatten, die sich um das Parteiverständnis drehten, die Kritik am demokratischen Zentralismus übten, die Treue zur Sowjetunion und zur Bruderpartei SED drehte, war gekennzeichnet von heftigsten Auseinandersetzungen und menschlichen Verletzungen. So hervorragende Genossen wie der ehemalige Redakteur der Deutschen Volkszeitung (heute der Freitag) Helmut Bausch, bekamen über die eigenen Genossen aus der DKP ein Berufsverbot. Andere wiederum wurden mit Parteiausschlussverfahren überzogen. Ich war dabei und mir fröstelt es noch heute. Nach einer Veranstaltung der Düsseldorfer Debatte im Raschplatzpavillon wurde ich seinerzeit von den Exgenossen als Acht-Groschen-Junge bezeichnet.
Ich hielt dies alles vor 26 Jahren, also 1983 nicht mehr aus und wollte kein Kommunist mehr sein. Ich bezeichnete mich von nun an als demokratischer Sozialist, zunächst bei den Demokratischen Sozialisten (DS), deren Bundessprecher ich 1985 war, danach in der SPD.
Was aus den 40.000 ehemaligen DKP Genossen geworden ist, ist in seiner Tragik längst nicht allen bekannt. Durch den Zusammenbruch des „real existierenden Sozialismus“ wurde die DKP innerhalb weniger Monate marginalisiert. Alles woran wir geglaubt hatten, war geplatzt und viele Dinge, die für uns vorher wahr gewesen waren, stellten sich als Lüge heraus. Fast schon ein Treppenwitz der Geschichte, dass der Reaktionär Richard Löwenthal (ZDF-Magazin) dabei häufiger Wahrheiten ausgesprochen hatte als sein Pendant Karl Eduard von Schnitzler.
Viele Tausende dieser ehemaligen Genossinnen und Genossen haben sich danach, oder aber auch nach ihrem Austritt in den 80zigern nie wieder politisch organisiert bzw. lehnen das bis heute ab. Ich nenne sie an dieser Stelle einmal die verlorene Generation der Herbert Mies Jünger. Einige wenige (bezogen auf die Westländer) haben weitergemacht, bei den demokratischen Sozialisten (DS) und danach in der SPD. Von denen die weitergemacht haben kann man durchweg nachlesen, in welch schweres Fahrwasser die eigene politische Biografie damals geriet. Sie haben dennoch Kurs gehalten und befinden sich heute, soweit sie in der Linken organisiert sind, wiederum auf der Seite der so genannten (bösen) Reformer. Bei wenigen anderen ist nur bekannt, dass sie Anfang der neunziger, teilweise aber auch erst zur Jahrtausendwende aus der DKP ausgetreten sind. Begründung: meist Fehlanzeige, es darf also spekuliert werden.
Was hat dieser Ausflug in die Geschichte aber mit dem Heute zu tun? Als ich vor etlichen Jahren, als stellvertretender Ortsvereinsvorsitzender (SPD) und Bezirksrat einmal einen
langen Brief mit der Bitte um Informationsmaterial und vielleicht ein Gespräch in die damalige Geschäftsstelle der PDS geschickt hatte, dauerte es drei Monate, bis die Antwort kam. Für Insider, wir befinden uns noch in der Zeit, bevor Jan Korte zum ersten Mal Kreisvorsitzender wurde. Ich erhielt einen dicken Briefumschlag. Inhalt: Zwei Hochglanzbroschüren aus Berlin, die mir gut gefielen, der Rest waren Fotokopien von Stellungnahmen des Landesvorstandes und der KPF, die sich klar abgrenzten zum „reformistischen Kurs“ der Bundespartei.
Damit war für mich klar, die 89er Rede des Genossen Michael Schuhmann auf dem SED/PDS Parteitag war hier in Niedersachsen und in Hannover nicht angekommen. Aus dem Antwortschreiben und den Materialien, die ich damals erhielt, gingen auch die Namen einer ganze Reihe von ehemaligen DKP Genossen von mir hervor und ich entschied mich, nein, da ist mein Platz nicht.
Es bedurfte erst der Gründung der WASG aber auch der Veränderung im Kreisverband Hannover, die in mir die Überzeugung reifen ließen, das könnte ernsthaft etwas werden, hier kann nach Einigung mit der PDS eine tatsächliche, wählbare Alternative zur SPD entstehen.
Ich war als WASG-Gründungsmitglied sehr schnell überzeugtes Doppelmitglied und habe den Vereinigungsprozess von WASG und PDS nach Kräften befördert. Heute steht mir die alte PDS näher als DIE LINKE.
Die heutige Situation im Kreisverband Hannover hat insofern so etwas wie ein dejavu für mich, als das handelnde Personen, die seit Jahren die Ratsfraktion angreifen bzw. auch davor schon dem Korte- aber auch dem Leideckervorstand angegriffen haben, identisch mit Protagonisten der reinen Lehre aus den siebzigern sind. Die Namensgleichheit ist nicht zufällig, sie ist gegeben. Und auch das Debattenklima erinnert mich zunehmend an die achtziger Jahre. Es findet eigentlich keine inhaltliche Debatte statt, es wird nicht einmal zugehört. Diejenigen, die heute im Kreisverband, ich formuliere es mal lax, die rote Fahne schwingen, haben gute Chancen im Kreis und auch auf Landesebene die Hegemonie zu erlangen. Durchaus! Es bleibt die Frage, wer unsere Partei dann noch wählen wird. Denn eine Partei, die nicht in der Lage ist demokratische Auseinandersetzungen demokratisch zu führen, die in ihrer Streitkultur abschreckend nach außen wirkt, die wird nicht wählbar sein.
Manch einer meint, es gäbe schon viel zu viele Strömungen in der Partei. Ich denke eher, die Partei braucht viele Freigeister und kann im Prinzip nicht bunt genug sein. Die Linke kennt nicht mehr das Organisationsprinzip des demokratischen Zentralismus, es wirkt aber dennoch, gerade in Niedersachsen nach. Wenn reformorientierte Genossinnen und Genossen zunehmend unter Druck geraten, tatsächlich an den Rand der Partei gedrängt werden, dann wird die Linke als Erfolgsmodell sehr schnell ausgespielt haben. Einer derartigen Tendenz sollten sich in der Tat alle gemeinsam strömungsübergreifend entgegenstellen.
Michael Hans Höntsch