Forum demokratischer Sozialismus
15.04.2009

1919: Rätemythos und Revolutionsalltag oder Der Wert der Weimarer Reichsverfassung

Günter Platzdasch
in: UNZ – Unsere neue Zeitung / Die linke
Zeitung für Politik, Arbeit, Soziales und Kulturelles in Thüringen, 19.
Jahrgang, Nummer 7/2009 (April), S.13/14

„Eine gewisse Fassungslosigkeit angesichts dieses linken Überholmanövers im
Gedenkmarathon ließen Mitarbeiter der Friedrich-Ebert-Stiftung erkennen“, be-
richtete die Frankfurter Allgemeine Zeitung über SPD-Reaktionen auf die Veran-
staltung der Linken, die im Weimarer Nationaltheater das Jubiläum der Deut-
schen Nationalversammlung von 1919 feierte. Und unter der Überschrift „Rosa
hätte nicht gefeiert“ stellte in der Thüringischen Landeszeitung der Politikwissen-
schaftler Michael Dreyer (Universität Jena) „Fragen an die Luxemburg-Stiftung“.
Sie erheischen Antwort, denn auch im Linkspartei-Milieu irritierte manchen, wie
linke Land- und Bundestagsfraktionen mit der Luxemburg-Stiftung nun National-
versammlung und Reichsverfassung würdigten.
Zwar ist offenkundig, daß Die Linke nicht von Revolutionen à la Sturm aufs
Winterpalais träumt, sondern realpolitisch im Parlamentsalltag ebenso wie im
außerparlamentarischen Kampf verankert ist. Aber wer auch in einer diktato-
risch-undemokratischen Strömung des Kommunismus wurzelt, darf nicht einfach
achselzuckend zur Tagesordnung unter der Herrschaft des Grundgesetzes, dessen
Jubiläum ebenfalls 2009 gefeiert wird, übergehen. Lenin mahnte, es sei schlim-
mer, einen Fehler nicht zu erkennen, als ihn zu begehen. Also sollten Irrtümer
nicht bloß stillschweigend korrigiert, sondern offen diskutiert werden. (Lehrreich
wäre, wenn die SPD – nicht länger der SED-Maxime ‚Die Partei hat immer recht’
frönend – auch dunkle Stellen ihrer Geschichte ausleuchten würde: Vom Paktie-
ren mit republikfeindlichen Freikorps 1919 bis zur Stimmenthaltung beim Bau-
haus-Schließungsantrag der Nazis 1932.)
Geboten ist ein desillusionierter Blick auf die Novemberrevolution 1918 und
die Geburtsstunde unserer Demokratie 1919 in Weimar. Auch wenn für manchen
nur noch die früh gescheiterten Revolutionäre – „Karl und Rosa“ genauso wie
„Che“ – zur Verkörperung ihrer Ideale taugen. Walter Ulbricht (von der KPD zur
SED) und Herbert Wehner (von der KPD zur SPD) wurden alt und beschmutzt in
den Niederungen der Linken – von den Sowjetexil-Verstrickungen in die stalini-
stische Terrorjustiz bis zur Herrschaft im gespaltenen Nachkriegsdeutschland.
Liebknecht und Luxemburg hingegen verkörpern die Ära, in der Sozialisten noch
Oppositionelle, verfolgte Freiheitskämpfer und Kriegsgegner waren. Unbefleckt
vom Gebrauch der Staatsmacht gegen „anders denkende“ Linke; nach innen oder
gar kriegerisch nach außen (DDR 1953, Ungarn 1956, ČSSR 1968, Afghanistan
1979).
Liebknechts und Luxemburgs gräßliches Schicksal, ihre Ermordung durch
Konterrevolutionäre, sollte nicht immunisieren vor der kritischen Würdigung ih-
res Agierens 1918/19. Ihr Beharren auf der Selbsttätigkeit der Massen verdient
Respekt. Jedoch ist es eine Legende, daß die Rätebewegung real eine Alternative
zum Parlamentarismus von Weimar gewesen wäre und daß die Sozialdemokratie,
so die linke Dolchstoßlegende, die Revolution „verraten“ hätte. Empirische Revo-
lutionsforschung, die paradoxerweise im bürgerlichen Westen ertragreicher als in
der DDR betrieben werden konnte, zeigt seit den 60er Jahren, wie unrevolutionär
die Arbeiter- und Soldatenräte waren, die eher pragmatisch alltägliche Mangel-
verwaltung aufgrund der Zusammenbruchssituation bei Kriegsende betrieben.
Darüber konnte man sich oder andere nur hinwegtäuschen, wie die SED-Ge-
schichtsschreibung, indem man auf der Theorieebene der Rätekonzepte blieb
oder, den Revolutionsalltag außerhalb Berlins ignorierend, „passende“ Zitate her-
auspickte. Rätebeschlüsse in der Provinz über Marmeladeversorgung, Milcherfas-
sung, Pferdeschlachterlaubnisse und Kriegsheimkehrer-Eingliederung entspra-
chen weniger dem Rätemythos als flammende Reden der Rätetheoretiker in Ber-
lin. (Daß dort weder Liebknecht noch Luxemburg in den Rätekongreß gewählt
wurden und nicht einmal Gastrederecht gewährt wurde, nur nebenbei.)
Die Strukturveränderungen des Kapitalismus sah der „Revisionist“ Eduard
Bernstein (entgegen linker Legende nie Vordenker der Mehrheitssozialdemokra-
tie!) schärfer als Luxemburg. Als erster sozialistischer Theoretiker wies er auf das
gestiegene Krisenbewältigungspotential des Kapitalismus hin. Er interpretierte
den politischen Rahmen einer Reformstrategie neu, während Luxemburg am öko-
nomischen Katastrophismus der II. Internationale festhielt und – bei aller Kritik
an bolschewistischen Praktiken – Kampfstrukturen des unterentwickelten Ruß-
lands auf westliche Ökonomie- und Politikfelder übertragen wollte. In Erwartung
des großen Zusammenbruchs und der Geburt „Sowjetdeutschlands“ galt lange der
fatale Satz: Republik das ist nicht viel – Sozialismus heißt das Ziel. Am Ende der
Weimarer Republik schrieb 1932 der sozialistische Rechtstheoretiker Ernst
Fraenkel, als SPD-Mann damals gemäß KPD-Linie ein „Sozialfaschist“, mithin ge-
fährlicher als ein Nazi: „Man wird mir entgegenhalten, daß das Einstehen für die
liberalen Freiheitsrechte der Verfassung nicht ausreichend sei, um als zündende
Parole den Kampf für Weimar durchzuführen. Die politischen Freiheitsrechte sind
die Luft, in der wir atmen, um uns als Arbeiterbewegung im kapitalistischen
Raum betätigen zu können. Es ist richtig, daß im allgemeinen für die Luft, die ei-
nen umgibt, Begeisterung nicht aufgebracht wird. Nur, wer vom Erstickungstod
bedroht ist, kann den Wert frischer Luftzufuhr richtig einschätzen. In der drohen-
den Erstickung der Arbeiterbewegung durch faschistisch reaktionäre national-
sozialistische Kräfte wird in das Bewußtsein des Proletariats die Bedeutung der
Freiheitsrechte wieder einziehen, deren Wert man unterschätzt hat, weil man ihre
Geltung für selbstverständlich hielt.“



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