Günter Platzdasch
Karl Dietz Verlag Berlin 2009. 125 Seiten. Euro 9,90.
Von ; aus: UNZ – UNSERE NEUE ZEITUNG / Die linke Zeitung für Politik, Arbeit,
Soziales und Kulturelles in Thüringen, Nr. 8 (April)/2009, Seite 15
Thomas Mann, sich 1943 von „einem Sozialismus, in dem die Idee der Gleichheit die der Freiheit vollkommen überwiegt“ distanzierend, konnte „nicht umhin, in dem Schrecken der bürgerlichen Welt vor dem Wort Kommunismus, diesem Schrecken, von dem der Faschismus so lange gelebt hat, etwas Abergläubisches und Kindisches zu sehen, die Grundtorheit unserer Epoche“. Jan Korte (Jahrgang 1977), LINKE-Bundestagsabgeordneter, behandelt eine andere Epoche: die Adenauer-Ära.
Das Buch verdient Aufmerksamkeit in einer Zeit, in der trotz Weltwirtschaftskrise DIE LINKE nicht erstarkt. Man findet manches zum Nach-Denken, aber auch viel Unentschiedenheit. Korte hat recht, Westdeutschland als „Sonderfall“ zu behandeln. Antikommunismus gab es auch in Westeuropa oder Nordamerika, wo vorgeschlagen wurde, „Communism“ mit dem ungebräuchlichen „K“ zu schreiben, um das fremdartig Unamerikanische hervorzuheben. Aber er irrt wenn er meint, etwa in Frankreich seien Kommunisten nicht ausgeschlossen gewesen. Das waren sie auch dort in gewissen Etagen, aber nicht mit der typisch deutschen Verbotsmentalität, sondern eleganter, flexibler. Auch waren die Kommunisten romanischer Länder viel stärker, mithin nicht so leicht klein zu kriegen. Für Korte ist unvorstellbar, dass die französische oder italienische kommunistische Partei verboten worden wäre, aber er stellt nicht die richtigen Fragen: Warum hingen weder FKP noch IKP im Osten so an der finanziellen und ideologischen Nabelschnur wie KPD/DKP am Tropf der SED? Welchen Stand hätte die KP gehabt, wenn durch Rom oder Paris eine Mauer gegangen wäre, die IKP und FKP gerechtfertigt hätten? Peter Scholl-Latour sagte vor 1989, dass dann in Paris allwöchentlich Bomben hochgegangen wären. Hingegen erdreisteten sich deutsche Kommunisten, ihren stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Kurt Müller aus dem Bundestag nach Ost-Berlin zu kidnappen. Französische, italienische oder spanische Kommunisten waren freiheitsliebender und gingen auf Distanz zum „realen Sozialismus“. Korte erinnert daran, dass ihr „Eurokommunismus“ in einer SED-Veröffentlichung 1981 als Variante des Antikommunismus rubriziert wurde.
Instruktiv stellt er dar, wie der Antikommunismus (nach Bruch der alliierten Anti-Hitler-Koalition) Instrument zur Wiedereingliederung alter Kämpfer aus der NS-Zeit gegen den alten neuen Feind war. Unterbelichtet bleibt die Massenbasis des Antikommunismus. Es waren konkrete, millionenfache Erfahrungen mit „dem Kommunismus“, die erlaubten, daß der Antikommunismus zur westdeutschen Staatsdoktrin avancierte: Von Flucht und Vertreibung aus dem Osten Deutschlands über Erlebnisse der Westdeutschen bei DDR-Einreisen oder Transitreisen bis zum „Migrationshintergrund“ all derer, welche die DDR verließen.
Das deutet Korte nur an. Weder wird festgestellt, daß Stalin der größte Antikommunist war (er hat den Tod von mehr Führern der Kommunistischen Internationale auf dem Gewissen als Hitler und Mussolini zusammen), noch finden wir all die – teilweise skurrilen – Belege aus dem Kalten Krieg. Rezensent erinnert sich noch an Propaganda-Plakatwände, die in den 60-er Jahren auf beiden Seiten des thüringisch-hessischen Grenzzauns in der Landschaft standen; an Propagandamaterial, das (über die Grenze geschossen) vom Himmel regnete; und an die Weihnachtsgeschenksendung der Patentante aus Sömmerda in den Westen: ein Paket mit Broschüren zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, das erst Ostern ankam – nachdem der Generalstaatsanwalt das Strafverfahren gegen mich aus der DDR stammenden, im Westen lebenden Schüler „wegen des Verdachts der Verbreitung verbotener Propagandaschriften“ eingestellt hatte – der Rechtsstaat funktionierte immerhin unter dem gerade gewählten Kanzler Willy Brandt.