Forum demokratischer Sozialismus
19.04.2009

Eigensinn und aufrechter Gang

Ein „mündlicher Essay“ zum tazkongress Berlin, 19. April 2009

Klaus Lederer
Her mit dem guten Leben oder: Warum die Linke mit individueller Freiheit hadert

Mit aufrechtem Gang

Mit aufrechtem Gang / und menschlichem Antlitz

schreitet er / immer im Kreis,

betet dabei sein Brevier / aus den Schriften der Klassiker.

Genosse! / ruft ihm der zu,

der sich von außen auf die hohe Klostermauer / gezogen hat.

Was tust du, Genosse? / Ich gehe den dritten Weg,

sagt der beim Schreiten / Lesende,

ohne von seinem Brevier aufzublicken,

mit aufrechtem Gang / und menschlichem Antlitz.

Komm rüber zu uns, / sagt der auf der Mauer.

Sicher – wir müssen / gebückt laufen manchmal,

durch Schlamm / und Schlimmeres kriechen,

und vielen von uns fehlen Zähne,

gebrochene Nasen haben wir / und geschlitzte Ohren.

Sieh mich an, / mein gemeines Gesicht.

Aber es lohnt sich, / zu kämpfen / auf dieser Seite,

vorwärts und meistens geradeaus, / jedenfalls nicht im Kreis.

Wir können gewinnen. / Komm zu uns!

Ich lasse mich nicht deformieren,

sagt der mit aufrechtem Gang / und menschlichem Antlitz.

Und was nützt uns / der Sieg, / wenn wir ihn feiern müssen

mit krummen Rücken, / gebrochenen Nasen, / geschlitzten Ohren,

zahnlos, / gemeinen Gesichts?

Es geht nicht / um uns allein, / sagt der auf der Mauer,

und will noch mehr sagen.

Aber der andere / hört nicht mehr hin, / schreitet

mit aufrechtem Gang / und menschlichem Antlitz

seinen dritten Weg / immer im Kreis.

Franz Josef Degenhardt (1975)[*]

„Eigensinn und aufrechter Gang“, also Individualität und Individualismus, waren eigentlich immer eine Stärke der Linken. Das lässt sich an vielen Biografien belegen. Denken wir nur an Peter Weiss´ „Ästhetik des Widerstands“. Dieses Buch beschreibt eindrucksvoll, wie ein Mensch versucht, trotz des Hineingeworfenseins in strukturierte und strukturierende Verhältnisse den eigenen Weg zu finden.

Ich habe überhaupt nicht lange nachdenken müssen, schon war in meinem Kopf eine kleine Galerie mit Porträts von bekannten Linken gefüllt, die Ähnliches repräsentieren. Da hängen dann die Bilder von Spartakus, Thomas Müntzer, Jan Hus, Giordano Bruno, Rosa Luxemburg, Clara Zetkin, Alexandra Kollontai, Wladimir Majakowski, Kurt Eisner, Felix Halle, Albert Einstein, Bert Brecht, Kurt Weill und Helene Weigel, Antonio Gramsci, Sophie Scholl, Mohandas Karamchand Gandhi und Jahawarlal Nehru, Ernst Bloch, Wolfgang Harich, Robert Havemann, Tamara Bunke, Rudi Dutschke, Angela Davis, Harvey Milk, Pier Paolo Pasolini, Stefan Heym, Rio Reiser, Dolores Ibarruri, Petra Kelly, Rossana Rossanda, Alfred Hrdlicka, Wolfgang Ruge, Gisela May, Nelson Mandela, Vanessa Redgrave, Manu Chao, aber selbst Toni Negri und Michael Hardt und aus jüngerer Zeit in Berlin vielleicht die Theatermacher René Pollesch und Thomas Ostermeier.

Und auch Karl Marx war auf eine Art und Weise eigensinnig, wenn nicht gar kauzig und verschratet, wie kaum ein anderer Linker seiner Zeit. Mit einer faszinierenden Fähigkeit zur Kritik an den Zuständen und zu ihrer analytischen Durchdringung ausgestattet, schleuderte er streitsüchtig grobe Bannstrahlen gegen Alle und Jeden, die seine Sicht in Zweifel zu ziehen wagten. Sein Lebensstil ist mindestens extravagant zu nennen; manch Prioritätensetzungen in seinem Alltag, nehmen wir die Schilderungen seiner Biografen, würden wir heute wohl als außergewöhnlich bezeichnen. Marx war ein von den politischen Auseinandersetzungen seiner Zeit mit Leidenschaft erfüllter Exilant, ständig in Geldnot und von Krankheiten geplagt, mit Vergnügen am Ulk, innig und in Liebe verbunden mit seiner Familie, ein Freund der Zecherei, des derben Wortes und schalkhaften Tuns. Und er war ein brillanter Denker.

Die Existenz eigensinniger und eigenwilliger Persönlichkeiten war Voraussetzung von Organisation, Kreativität und Durchsetzungsfähigkeit einer Linken überhaupt. Wir könnten das als Indiz nehmen dafür, dass „die Linke“ mit individueller Freiheit, ja, mit der Besetzung von Freiräumen in der Gesellschaft, alles andere als hadert. Dann könnte ich jetzt hier aufhören und die Sachlage schiene klar.

Aber die Sache ist natürlich verzwickter. Denn, jede und jeder kennt sie, es gibt auch die „andere“ Seite der gleichen Linken, die durchaus mit Individualismus und Eigensinn hadert. Die Lebenslust und das asketische Ideal waren in linken Mythen ohnehin seit jeher merkwürdig widersprüchlich verbandelt. Dem leisteten eine Geschichtsphilosophie und eine Anthropologie Vorschub, die bereits bei Marx herausgelesen werden können, und die für sich in Anspruch nahmen, ein besonderes Wissen über die Idealformen menschlichen Lebens bereitstellen zu können. Das darin formulierte Ende der Geschichte war die Umwerfung aller Verhältnisse der Unterdrückung. Im Bewusstsein ihres irgendwann gewissen Sieges konnte sich eine Bewegung mit diesem Ziel sämtlicher denkbarer Mittel bedienen, um die „Morgenröte des Menschengeschlechts“ herbeizuführen.

Die Diskussion um die richtigen Mittel, um das „Wie“ dieser Erlösung, war allerdings problematisch. Sie führte zu vielen Spaltungsprozessen und merkwürdigen Auswüchsen linker Ideologien, inklusive Gewaltfetisch, Katharsisfantasien, Selbstgeißelungsritualen und revolutionärer Erweckungsmessen. Letztlich ist diese Ideenwelt im Niedergang begriffen. Ihre progressiven Beiträge zur Gegenwart halten sich in engen Grenzen.

Ein das linke Denken verkleisternder, dogmatischer Grundbestand an Vorstellungen hat sich jedoch weit über den Kern der dogmatischen Linken hinaus als recht beharrlich erwiesen. Er liegt als Schatten auch über den heutigen linken Diskursen: Die Sehnsucht nach dem grundlegenden Bruch mit den vorgefundenen Verhältnissen mündete in ihre fundamentale Verneinung. Individuelle Freiheitsrechte sind danach nur Fassade des faulenden Kapitalismus, Rhetorik zur Massenintegration. Wo gehobelt wird, fallen Späne, wo etwas Neues entstehen soll, muss das Alte gründlich ausgemerzt werden. Emanzipationsfortschritte ohne grundlegenden Bruch sind nicht zu erwarten und auch nicht drin. Denn es wird gewiss nichts Gutes, solange nicht das Grundübel selbst, der Kapitalismus, beseitigt ist. Deshalb kann es – natürlich – auch keine Ansprüche an ein erfülltes Leben im Hier und Jetzt geben.

Der Kapitalismus musste notwendig in seinen schwärzesten Farben gezeichnet werden werden. Die Massen sollten sich ja empören, spontane Bewusstseinsbildung und Massenorganisation bewerkstelligen, die Gesellschaft von Grund auf neu und unterdrückungsfrei organisieren. Daraus resultierte natürlich auch eine Geringschätzung von Individualität und Eigensinn. Man sprach lieber vom „Wir“ als vom „ich“, betonte die Klasseneinheit und die Klassenwachsamkeit, beäugte „Individualismus“ und „bürgerliche Dekadenz“ mit Misstrauen.

Diese Beschreibung darf nicht über die temporäre Faszination und Wirkungsmächtigkeit dieser Ideologie bis hinein ins republikanische Bürgertum hinwegtäuschen. Die Zielformulierung war ohne Zweifel freiheitlich und humanistisch, gar eine Einladung zum Individualismus und zum Eigensinn. Auch deshalb fühlten sich viele Persönlichkeiten und Charaktere aus Kunst, Wissenschaft und Kultur zeitweise immer wieder zu dieser Bewegung hingezogen und beeinflussten sie, nicht selten mit ausgesprochen innovativen und progressiven Beiträgen. Nicht wenige von ihnen wurden von ihr jedoch wieder verstoßen, gewissermaßen „exkommuniziert“.

Spätestens seit 1989/1990 ist dieser Gesellschaftsperspektive jegliche Überzeugungskraft abhanden gekommen. Denn die Verhältnisse, die sind nicht so. Die vergleichsweise übersichtliche Klassenlage der ersten großen kapitalistischen Blütezeit war lange durch das fordistische Arrangement abgelöst. Die als – gleich ob positive oder negative – Projektionsfläche existierende zeitweilige „Systemalternative“ ging an ihren eigenen Widersprüchen ruhmlos zugrunde. Und in der „Spaßgesellschaft“ ersäuft aller grundsätzlicher Veränderungswillen offenbar in Gleichgültigkeit und Bewegungslethargie.

Auf die Tragödie folgte die Farce. Was da an Mobilisierungskraft übrig blieb, reichte allenfalls für eine „Depressionslinke“ oder als rhetorischer Mantel für linken Protestantismus und Populismus. Die Hoffnung, es möge doch mit einem großen Knall alles Schlechte vorbei und alles besser sein, taugt zwar noch immer für die ideologische Vereinnahmung oder Selbstvergewisserung. Mit Lebenslust, Eigensinn und Egozentrik hat das nicht viel im Sinn. Auch nicht mit wirklichem Eingreifen. Es wirkt vielmehr seltsam retro, simuliert, verworren, altbacken, „von gestern“ – Selbstvergewisserung ohne Anschlussfähigkeit an die gesellschaftliche Vielfalt von konkreten Interessen und Widersprüchen. Es „passt“ nicht mehr.

Aber auch die undogmatische Linke, die paradigmatisch mit den puritanischen Flügel gebrochen und die Lebenslust immer hochgehalten hat, bekam spätestens im Gefolge der 1989/90er Jahre ein Problem. Der kollektive und zugleich individualistische Ruf nach dem „schönen Leben“, die Entwicklung eines eigenwilligen, lustbetonten Lebensstils: in den 1960er Jahren war das Provokation, Aufbegehren, Rebellion gegen die Verhältnisse, mithin politische Haltung und politisches Handeln mit emanzipatorischem Gehalt. „Hol dir das schöne Leben – jetzt und hier!“, das war im Bewusstsein der handelnden Akteurinnen und Akteure die unmittelbare Einlösung des bürgerlichen Versprechens von Freiheit und Glück gegenüber dem philisterhaften Bürgertum. Das war per se links – alternatives Lebensgefühl und politische Emanzipationsmaxime zugleich: Weg mit den restriktiven Normen des Alltags – vom Arbeitsplatz bis hin zum Intimleben!

Heute aber ist die ungehemmte Befriedigung der eigenen Bedürfnisse und Triebe verallgemeinertes Lebensgefühl und verallgemeinerter Lebensstil, in aller Diversität, die denkbar ist, und regelmäßig verbunden mit allen denkbaren Depressionen. Liberalisierung wie Ausdifferenzierung der Lebenskultur und kapitalistische Gesellschaftsreproduktion waren eben durchaus nicht unvereinbar, sondern fanden im postfordistischen Modernisierungsschub ihre sehr ambivalente Symbiose.

Die undogmatische Linke hat sich quasi zu Tode gesiegt. Mit dem Ruf nach dem „schönen Leben“ verbindet sich heute überhaupt keine spezifische politische Haltung, sondern mehr denn je die soziale, kulturelle und ökonomische Reproduktion des Status quo. Selbst rechte Orientierungen lassen sich gut mit dem einem „genießenden“ Leben vereinbaren. Du kannst heute doch genauso bei den „Lesben und Schwulen in der Union“ sein, offen und doch recht freizügig als Homo leben und trotzdem für „ProReli“ werben und den Kapitalismus genauso wie den Papst dufte finden. Und du kannst „grün“ wählen, Bio einkaufen, die umfassende Deregulierung der Märkte mit einem „Öko-Antlitz“ begrüßen, dabei in einem „irgendwie linken“ Lebensgefühl schwelgen und von deiner klugen Finanzanlagepolitik recht schön abgesichert leben.

Du musst jedenfalls dein Ding machen, deinen Weg finden, das heißt: dich in der komplizierten, abstrakten Welt an ihren herrschenden Codes orientieren und dich zurechtfinden, was dir ein gehöriges Maß an Zurichtung und sozialen Anpassungsleistungen abfordert, um dir dein individuelles schönes Leben zu organisieren. Es reichte schlicht nicht mehr aus, lustbetont und individualistisch zu leben, um damit schon „links“ zu sein. So waren jetzt nämlich fast Alle.

Die permanente Provokation und das spielerische Brechen der Konventionen und Normen wurden selbst gesellschaftliche Konvention und Norm. Selbst die konservative Rechte beherrscht inzwischen geschickt – und auf jeden Fall wirkungsvoller als die Linke – diese Klaviatur, um für die geistige Lufthoheit zu kämpfen. Nicht zuletzt singen die Epigonen des Neoliberalismus unablässig das hohe Lied des Individualismus, preisen den Markt der Lebensentwürfe. Folgerichtig ist ein Teil einstmals undogmatischer Linker zwischenzeitlich in den gesellschaftlichen Mainstream diffundiert und machte aus den autonom erkämpften Freiräumen und widerständigen Impulsen gutes Kapital. Richtig glücklich werden sie damit nicht. Aber es könnte ihnen auch wesentlich schlechter gehen. Und „irgendwie links“ sind sie in ihrer Identität immer noch.

Das, was etwa Marx angetrieben hat, ist damit trotzdem nicht vom Tisch: Das allgemeine Emanzipationsversprechen des Bürgertums, in der Aufklärung und in den Programmen der demokratischen Revolutionen artikuliert. Die Emanzipation des Einzelnen ist unerfüllt, solange die gesellschaftliche Emanzipation nicht Alle einschließt.

Was also bleibt, sind die aus dem gesellschaftlichen Zustand resultierenden Widersprüche. Sie treten aber nicht als abstrakte Klassenwidersprüche in Erscheinung, sondern sie gehen durch die Individuen selbst – im postmodernen Kapitalismus mehr denn je. Das ausgelebte Leben ist für viele Menschen längst kein erfülltes Leben, wie es die Rebellinnen und Rebellen seinerzeit erhofft hatten. Mit der zunehmenden Verdinglichung sozialer Beziehungen verbindet sich für Viele das unbestimmte Gefühl, dass die postmoderne Gegenwart „es nicht wirklich ist“. Die Kolonisierung der individuellen Lebenswelten durch Bürokratismus und Ökonomismus wird inzwischen als unsittliche Tendenz wahrgenommen. Zumal die Kehrseiten der jüngeren Gesellschaftsentwicklung inzwischen auch deutlicher hervortreten: existenzielle Ängste zügeln den Glückshunger und lassen die Grenzen einer individuellen Freiheit in materieller Not sichtbar werden, soziale Disziplinierung und innere Aufrüstung leeren das tägliche Freiheits- und Glücksversprechen im Alltag aus, für alle Dimensionen des menschlichen Alltags, für Kreativität, geistige Erfüllung, soziale Geborgenheit, gilt das untrügliche Einheitsmaß der Marktanforderungen. Die Vergesellschaftung des „schönen Lebens“ blieb aus, könnten wir sagen.

Aber hier liegt gleichsam das Problem linker Diskurse und Strategiebildungen: Sie müssten diese „Verkomplizierungen“ zur Kenntnis nehmen und manch lieb gewordenes Analyseschema und ritualisierte Handwerksinstrument in Frage stellen, vielleicht sogar über Bord werfen. Das ist nicht mehr als eine partielle Neuerfindung und erforderte einen bedeutenden Schritt an Wirklichkeitszuwendung.

Der Sozialismus hatte im 19. Jahrhundert – als politische Ideologie – vor allem daraus seine Kraft bezogen, dass seine Kategorien und seine Erzählung vor dem Hintergrund lebensweltlicher Erfahrungen plausibel waren. Marx´ Analyse knüpfte genauso an der Lebenswirklichkeit des Proletariats an wie seine strategische Konfliktaufstellung in der zentralen Klassenauseinandersetzung zwischen Proletariat und Bourgeoisie den empfundenen Ungerechtigkeiten und Widersprüchen in der Gesellschaft entsprach. Dabei erfüllten Begriffe wie „Ausbeutung“ oder „Klasse“ in Marx´ Werk nicht allein die Funktion analytischer Kategorien. Sie waren immer auch „bewusstseinsbildend“, moralische Kategorien, Anklage. Die Arbeiterklasse als unterdrücktes Kollektiv; das Arbeitsleben als ein Leben, das einem anderen als dem Arbeiter gehört. Die Arbeiterklasse sollte ja kämpfen für ihre Emanzipation aus dem Joch des Kapitalverhältnisses und für die allgemeine Emanzipation der Gesellschaft. Der Erfolg im Klassenkampf erforderte vor allem Solidarität unter den Angehörigen der Klasse. Solidarität kann es aber nur dort geben, wo gleiche Interessen auch zu einem gemeinsamen Interesse werden. Das erforderte ihre Formulierung und Artikulation, also Formen kollektiven Handelns. Die Theorie half, diese Formen zu schaffen: Polit-, Arbeitermusik-, Konsum-, Sport- und Freizeitvereine, Gewerkschaften, Sozialwerke und Parteien. Das Zusammengehörigkeitsgefühl gründete sich nicht zuletzt auf einer gemeinsamen empfundenen materiellen Lage und dem dazu passenden „Klassenbewusstsein“, der Erzählung des sozialistischen Emanzipationsversprechens mit der historischen Mission des Proletariats. Und auf der realen Erfahrung, dass sich gemeinsam tatsächlich mehr rausholen lässt. Erst recht, wenn die Revolution als historische Möglichkeit gedacht werden kann, als Drohung an das Bürgertum im Raum steht. Die Eliten der Nationalstaaten in den kapitalistischen Zentren fürchteten sich tatsächlich über Jahrzehnte vor der Arbeiterklasse – vor dem Mythos und vor ihr als gesellschaftliche Realität.

Dieser Punkt, die Formulierung gemeinsamer Interessen auf Basis gleicher Interessen, die Konstituierung als kollektives Handlungssubjekt, ist übrigens nicht trivial. Kapitalisten zum Beispiel haben auch ein gleiches Interesse: Profitmaximierung. Diese Interessengleichheit mündet jedoch nicht in Solidarität, sondern in Konkurrenz, ihre Kommunikationsform ist verdinglicht. Was nicht bedeuten soll, dass es nicht auch eine negative, abgrenzende Solidarität der Eliten gegenüber „denen da unten“ gegeben hätte und nach wie vor gäbe. Die gibt es natürlich, und sie ist in den Alltagsauseinandersetzungen auch spürbar. Sie ist sogar sehr wirkungsmächtig, ja hegemoniefähig, und kommt heute im Gewand der Versatzstücke des Neoliberalismus und Neokonservatismus daher.

Was aber passiert, wenn Veränderungen im Akkumulationsregime und in der politischen Form des Kapitalismus derartige Binnendifferenzierungen in den Klassenstrukturen nach sich ziehen, dass Klassenzugehörigkeit nicht mehr gemeinsam „erlebt“ und vor allem nicht mehr gemeinsam gelebt wird? Wenn die Ausdifferenzierung der Lebensvorstellungen, Lebenslagen und Lebensstile keine gemeinsame Subjektbildung, keine kollektive politische Artikulation, mehr ermöglicht? Dann zerfällt das, was bei Marx noch Einheit war: „Klasse“ als Begriff der gesellschaftlichen Analyse, aber auch „Klasse“ als politisch-soziologische Kategorie, als Trägerin kollektiver politischer Interessenidentität, als „kollektives Bewusstsein“ und als Bezugsrahmen erfahrbarer Solidarität. Dann bricht das historische Subjekt, auf dem das linke Zukunftsvertrauen beruht, in sich zusammen.

Wo findet sich heute ausdrucksstarker, kollektiver Protest gegen die Verhältnisse? Die großen Protestbewegungen der 80er Jahre, die Friedensbewegung, die Umweltbewegung, die Frauenbewegung – sie gibt es heute nicht mehr wirklich. Was es gibt, sind Restbestände und Verfallsprodukte aus dieser Zeit, die sich friedlich zu der schwindenden gewerkschaftlich verwalteten Arbeiterschaft gesellen, die aus den großen Klassenkämpfen des vergangenen Jahrhunderts übrig geblieben ist.

In dieser Landschaft ohne große Utopie, ohne machtvolle Protestbewegungen, hat sich eine vorherrschende Haltung etabliert, die sich abgeklärt gibt. Sie kann mit den „großen Erzählungen“ nichts mehr anfangen. Sie hat sich im Plural der Sprachspiele, Diskurse, Interpretationen und Lebensformen zurechtgefunden. Diese Haltung hält das kleine Versprechen bereit: Für Jede und Jeden gibt es einen Kleingarten der bescheidenen, dafür freien Verwirklichung des eigenen Lebensentwurfs. Diese Widersprüchlichkeit in größerer gesellschaftlicher Breite „aufknackende“, „verallgemeinerbare“, hegemoniefähige Artikulations-, Organisations- und Handlungsformen mit emanzipatorischem Anspruch sind, realistisch betrachtet, gegenwärtig nicht in Sicht.

Ist das eine Kapitulationserklärung, eine Absage an den gesellschaftsverändernden Anspruch, an eine Linke überhaupt? Nein, keinesfalls.

Es ist die Feststellung, dass so mancher ideologischer „Kompass“ der Vergangenheit verschrottet werden muss, wenn die Linke in die Offensive will. Dass die Frage nach den Alternativen „Kollektivität“ oder „Individualität“ falsch gestellt ist, weil die Brüche längst nicht mehr nur zwischen „Klassen“, sondern auch innerhalb der Individuen, existieren. Und dass es kein „großer Entwurf“ des Weltenlaufs mehr denkbar ist, der die Idealform des menschlichen Zusammenlebens beschreibt, klare ideologische Orientierung und auch sozialen Halt bietet.

Dennoch: in unserer postmodernen Welt geht es nicht mit rechten Dingen zu. Das Vokabular des Diskurspluralismus klingt sehr sympathisch. Keiner soll dem anderen wehtun; man darf so ziemlich alles ausleben, was einem einfällt. Der Preis der postmodernen Ideologie des Unideologischen allerdings ist sehr hoch: Aufklärung und Emanzipation, die Hoffnung auf eine vernünftige Gestaltung der gesellschaftlichen Lebensverhältnisse, gelten als hochfliegende Träume einer Vernunft, die sich als Alptraum von Totalitarismus und Terror entpuppt hat.

Und wenn wir zur Abwechslung mal vom ideologischen Ideenhimmel in die Niederungen der Verhältnisse selbst hinabsteigen, erkennen wir, dass den Preis dieser Kultur all diejenigen zahlen, die von der Teilhabe an Bildung, kulturellen Techniken und so weiter aufgrund sozialer Herkunft ausgeschlossen sind. Für die vom kapitalistischen Verwertungsprozess Ausgestoßenen gibt es keine Vielfalt der Lebensformen. Und damit macht sich die Fortexistenz der Klassengesellschaft unter den Bedingungen verknappter Ressourcen der Sozialintegration, die nun einmal nicht durch Märkte bereitgestellt werden, anhand der Lebenssituation der Marginalisierten besonders drastisch bemerkbar. Und sie scheinen die Diagnose vom „Ende der großen Erzählungen“ noch zu bestätigen. Offenbar haben sie keine oder kaum mehr Energien, um gemeinsam für eine Verbesserung ihrer Lage einzutreten.

Wir können wohl kaum die realen Emanzipationsfortschritte des postfordistischen Kapitalismus übersehen, die für die verschiedensten Menschen zu verbuchen sind: die zwanghaften Vorstellungen der „Normalität“ haben an Überzeugungskraft verloren, was auch die Möglichkeit der Veränderungen der gesellschaftlichen Institutionen eröffnet. Sexismus, Rassismus und Xenophobie gehören zwar immer noch zum ideologischen Alltagsgeschäft, sind aber erfreulicherweise in eine Defensivposition gedrängt. Die Modernisierung brachte neue, auch progressive, Formen von gesellschaftlicher Moral und Ästhetik mit sich, die sich mit der gesellschaftlichen und individuellen (Lebens-)Wirklichkeit reiben. Das alles sollten wir nicht gering schätzen, sondern uns dessen tatsächlich bewusst sein. Denn, wenn überhaupt, liegt in diesen Widersprüchen und den aus ihnen folgenden permanenten „Suchbewegungen“ der Keim radikaler Gesellschaftskritik und von Gesellschaftsveränderung.

Uns muss auffallen, dass sich die negative Solidarität der Eliten, die moralisch gefärbte konservative und ordoliberale Fundamentalkritik über den Individualismus und den „Verfall der Werte“ – Folgen des flexibilisierten Kapitalismus – gegen nichts anderes richtet, als gerade gegen seine emanzipatorischen Freiheitsgewinne. Hier gegenzuhalten, ist Aufgabe der Linken. Die defensive Linke leugnet die realen Emanzipationserfolge schlicht. Doch nicht die Emanzipationsfortschritte sind kleinzureden. Sondern es ist die Mentalität anzugreifen, dass mehr nicht drin sei. Eine zutreffende und treffende Gesellschaftskritik muss keine Aussagen über Idealformen des Zusammenlebens von Menschen machen, wenn sie sagen möchte, dass bestimmte gesellschaftliche Praktiken abgestellt oder zurückgedrängt werden müssen, weil sie vorhandene Selbstbestimmung zerstören und Emanzipationsräume vernichten. Schauplatz dieser Auseinandersetzung ist wieder die Ökonomie, die Kritik gilt dem totalen Ökonomismus. Aber das Thema moderner linker Gesellschaftskritik besteht nicht mehr in Zukunftsgewissheiten; ihr Thema ist Heteronomie.

Beunruhigend ist für mich die weitgehende gesellschaftliche Abwesenheit des Gedankens, dass das Recht des Einzelnen, vor den Zumutungen einer Kultur der Rücksichtslosigkeit verschont zu werden, und die Möglichkeit der freien Entfaltung des Einzelnen, entscheidend davon abhängen, wie eine Gesellschaft organisiert ist. Freiheit ist doch nicht vor allem die Freiheit zu jeglicher individueller Rücksichtslosigkeit. Freiheit ist zum einen die Möglichkeit der vielen Einzelnen, ihre je besonderen Entwürfe von einem guten Leben zu verwirklichen; Freiheit ist zum anderen aber auch die Fähigkeit eines politischen Systems, diese Räume der persönlichen Freiheit bereitstellen zu können, sie zu schützen und die Steuerung gesellschaftlicher Entwicklungen durch politische Willensbildung gesellschaftlicher Mehrheiten zu ermöglichen. Freiheit bedeutet Autonomie der Person und der staatlich verfassten Gesellschaft sozialer Wesen. Der herrschende Diskurs dagegen fährt den Begriff der Freiheit auf die Schrumpfstufe eines ideologisierten hedonistischen Individualismus herunter; er reflektiert die realen Emanzipationserfolge in einem irreführenden Paradigma. Es ist übrigens kurios, wie sehr sich hier die pessimistischen Muster auf „der Linken“ und auf „der Rechten“ gleichen: Jedes noch so kleine Denken und Handeln in Alternativen ist zwecklos!

Die Welt ein wenig vom Kopf auf die Füße zu stellen, diesen Gedanken in der gesellschaftlichen Arena stark zu machen, das müsste eine Linke doch eigentlich leisten können. Hierzu muss sie sich aber von Teilen ihrer eigenen Identität emanzipieren. Sie muss manche Tendenz loswerden, die nach wie vor tief in ihr wohnt: ihr objektivistischer Einschlag, ihre fatalistische Konditionierung, ihre geradezu religiöse Weltabgewandtheit, ihr Gewissheitsmantra und ihre Realitätsverdrängung, ihre Selbstbezogenheit, Selbstgenügsamkeit und verbreitete Denkfaulheit, ihre zum Teil zynische Gleichgültigkeit gegenüber den Folgen der gesellschaftlichen Modernisierung bei deren gleichzeitiger propagandistischer Instrumentalisierung, ihre selbstzerstörerische Lust an der Betonung der Differenz anstelle der Suche nach Gemeinsamkeiten mit Anderen, ihre Aversion gegen moralische Triebkräfte und Verhaltensweisen, aber auch gegenüber verrückten Ideen und Spleens.

Letzteres ist kein Appell zu Voluntarismus. Im Gegenteil! Dass es keinen Sinn hat, sich Luftschlösser zu bauen, dass es in unserer Welt wirksame Konditionierungen, Ideologien, Herrschaftszusammenhänge gibt, ist eine Binsenweisheit. Aber genauso wahr ist, dass sich die Welt nicht nach vorherbestimmten Mustern bewegt, sondern im Konkreten durch das mehr oder weniger reflektierte Handeln von Individuen in Gesellschaft reproduziert wird.

Was eine solche Linke braucht, auch wenn das vielleicht heut als uncool gelten mag, ist durchaus auch die Re-Orientierung an ihrem ursprünglichen humanistischen Ethos: menschliche Selbstverwirklichung in Gleichheit, Freiheit und Gemeinschaft. Ganz unpathetisch, ganz praktisch: Mit der Auseinandersetzung um Orientierungssätze für menschliches Handeln in der Gesellschaft und für eine humanere Gesellschaftseinrichtung, für reflektiertes Agieren in den kleinen Dichotomien unserer Gegenwart.

Das Begehren eines besseren Lebens, daran hat sich nichts geändert, wird durch unsere Verhältnisse selbst produziert. Der Anspruch, den Lauf der Welt mit zu beeinflussen – nicht erst morgen, sondern jetzt gleich, entspringt der gesellschaftlichen Widersprüchlichkeit immer wieder aufs Neue. Und er äußert sich schleichend oder plötzlich, in völlig ungewohnten und ungeahnten Formen und Aktivitäten, ist kein Monopol einer „Klasse“, entspringt selbst dem Mainstream und wirkt zurück auf die Gesellschaft.

Dieser widerständige Impuls ist zutiefst individualistisch, folgt nicht immer hehren Theorien, sondern wird meistens allein durch das irdische Bedürfnis motiviert, „nicht dermaßen regiert zu werden“ (Foucault). Manchmal sucht er sich stabilere und komplexere Formen, manchmal entäußert er sich als Ein-Punkt-Programm. Damit wird der Kapitalismus nicht abgeschafft, aber er wird immer wieder anders. Wie und mit welchem Ergebnis, das werden wir später sehen. Suche, Zweifel, Inkonsequenzen gehören zu diesen widerständigen Impulsen, und ein Beutel voll offener Fragen. Aber es wäre doch nicht wenig, wir würden uns diesen Fragen zuwenden: Was ist Staat? Was ist Kapitalismus? Was ist Demokratie? Was ist Vernunft?

Für einen solchen Prozess wird es noch viel Eigensinn brauchen, viel Neugier, Kreativität, Extravaganz, Individualität und Entdeckungsfreude. Und vielleicht sind wir dann doch schlicht wieder dort, wo wir vorhin angefangen haben: bei den vielen eigensinnigen Linken. Bei den vielen ganz unterschiedlichen Versuchen der Individuen, trotz des Hineingeworfenseins in strukturierte und strukturierende Verhältnisse den eigenen Weg zu finden, und etwas für individuelle und gesellschaftliche Autonomie und Selbstverwirklichung zu tun. Bei der Erkenntnis, dass sich die Welt nur dann in eine bestimmte Richtung verändert, wenn Menschen sich frei und bewusst entscheiden, etwas dafür zu tun, weil keine Bewegungsgesetze der Gesellschaft und keine geheimen Kräfte ihnen dabei das Handeln abnehmen werden.

* * * * *


[*] Den Hinweis auf dieses Lied von Franz Josef Degenhardt verdanke ich Pascal Beucker, der die Veranstaltung „Eigensinn und aufrechter Gang“ auf dem tazkongress moderiert hat.




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