(Siehe http://www.rosalux.de/cms/fileadmin/rls_uploads/pdfs/198Langner.pdf)
Der Unterschied ist evident: in der von Wilhelm Spanknebel genannten Version erscheint die „Natürliche Wirtschaftsordnung“ (Freiwirtschaft) von Silvio Gesell als eine Kapitalismuskritik von links. Eine Charakterisierung der Natürlichen Wirtschaftsordnung als „anti-links“ interpretiert hingegen die Freiwirtschaftslehre explizit als regressives und rechtes Phänomen!
In inhaltlicher Hinsicht bleibt der Autor ebenfalls unpräzise. Er distanziert sich zwar formal von den sozialdarwinistischen Attitüden des freiwirtschaftlichen Vordenkers Gesell, verteidigt jedoch sowohl die Lehre wie die Person. Für problematisch halten wir die Position von Herrn Spanknebel, dass ihm Gesell wegen seiner bekannten sozialdarwinistischen Äußerungen zwar nicht sonderlich sympathisch sei, er deshalb aber noch lange kein Ersatznazi gewesen sein soll. Hier geht die Erwiderung von Herrn Spanknebel am eigentlichen Problem völlig vorbei. Es gibt eine Reihe von Autoren aus der Freiwirtschaftsbewegung, der sogenannten „Konservativen Revolution“, der Lebensreformbewegung oder aus der späten deutschen Romantik, die sicherlich alle keine „Ersatznazis“ waren. Viele von ihnen starben lange bevor an eine Machtergreifung der Nazipartei überhaupt zu denken war. Dennoch besteht eine wichtige Aufgabe darin, die Anknüpfungspunkte faschistischer Ideologien an vorhandene gesellschaftliche Denktraditionen zu untersuchen und daraus politische Schlussfolgerungen zu ziehen. Antiemanzipatorische und regressive Theorien sind historisch stets ein ideologischer Nährboden gewesen, auf dem faschistische Systeme aufbauen konnten!
Des Weiteren muss erwähnt werden, dass Silvio Gesell seinen Lebensabend in einer lebensreformerischen Kommune in Eden (bei Oranienburg/Brandenburg) verbrachte, zu deren Aufnahmebedingungen bereits lange vor der nationalsozialistischen Machtergreifung der „Ariernachweis“ gehörte. Kaum zu glauben, dass dies zum damaligen Zeitpunkt irgendwem aufgezwungen worden sein soll. Auch ansonsten gab es von Anfang an breite Kontakte zwischen der Freiwirtschaftsbewegung und insbesondere dem „antikapitalistischen“ Flügel der NSDAP. Auf die Existenz und Ursachen vergangener und aktueller Querverbindungen von Freiwirten zu rechten Nationalkonservativen und dem nationalrevolutionären Spektrum geht Wilhelm Spanknebel mit keinem Wort ein. Im Unterschied dazu beleuchtet Joß Fritz in der „LOTTA“ Nr. 15+16/2004 in zwei Beiträgen ausführlich diesen nur wenig bekannten Aspekt dezidiert aus einer antifaschistischen Perspektive.
Es ist ferner nicht neu, dass Freiwirte auf die zunehmende Kritik von AntifaschistInnen, linken DemokratInnen und SozialistInnen meist mit reflexartigen Dogmatismusvorwürfen reagieren, deren Zielstellung gerade darin besteht, einen kritischen Diskurs nicht führen zu müssen. Stattdessen wird sich von allzu offensichtlichen, problematischen Äußerungen Gesells distanziert, die einfach dem damaligen Zeitgeist in die Schuhe geschoben werden. Seine Lehre wird dagegen vehement verteidigt und der entscheidenden inhaltlichen Frage ausgewichen, wieso die Freiwirtschaftsanhänger überhaupt immer wieder in einen Zusammenhang mit rechten Gruppen gerückt werden können? Wer diese Frage ausklammert, dem bleibt am Ende nur der Rückgriff auf billige Verschwörungstheorien, die in der Kritik an der Freiwirtschaftslehre nur eine Böswilligkeit rechthaberischer, dogmatischer MarxistInnen erblicken können.
Hierzu gehört auch die Mystifizierung der Gesell´schen Lehre und insbesondere des Geldes, dem irgendwelche geheimnisvollen Eigenschaften angedichtet werden. Auch bei Spanknebel findet sich die geheimnisumwitterte Frage, woher das Geld kommt und wie es in Umlauf gebracht wird? Freiwirtschaftstheoretikern empfehlen wir hier eine von der Mystik losgelöste Beschäftigung mit der Entwicklung von arbeitsteiligen Volkswirtschaften, der Organisation eines entwickelten Tauschhandels und der Entwicklung der Finanzsphäre im entfalteten Kapitalismus. Sie würden dann schnell merken, dass Geld von staatlichen Notenbanken gedruckt wird, um es dann als einzig gesetzlich zugelassenes Zahlungsmittel in Umlauf zu setzen. Ein allgemein gültiges Zahlungsmittel ist für kapitalistische Volkswirtschaften elementar, um auf globalen Märkten warenförmig vermittelten Transaktionen durchführen zu können, die die Eigentumstitel der Kapitaleigner berücksichtigen. Würde sich ein Unternehmer auf Warentransaktionen mit nicht anerkanntem Geld einlassen, wäre er schnell pleite. Dies hat zur Folge, dass das Geld selbst als Ware fungiert, da es nur unter dieser Bedingung das Medium ultimativer Kontrakterfüllung sein kann. Die Wareneigenschaft des Geldes resultiert aus den materiellen Produktionsbedingungen, aus denen letztlich die kapitalistischen Herrschaftsverhältnisse entstanden sind.
Kurzum, es bleibt dabei: die Funktionsweise einer kapitalistischen Marktwirtschaft wurde von bürgerlichen Nationalökonomen und Marxisten bereits bestens analysiert und die Freiwirtschaft ist nichts anderes als eine Heilslehre, die einen sozialdarwinistischen Ultrakapitalismus auf völkisch-elitärer Grundlage propagiert.